Auf www.circle.de meldete sich bei der dominanten Webmasterin Irena Böttcher ein Mann, der sich eine umfassende 24/7-Versklavung durch eine dominante Frau wünschte, die dann aber auch konsequenterweise das Geld verdienen und ihn somit auch wirtschaftlich beherrschen sollte. Die Versklavung sollte auch Elemente der Verweiblichung enthalten - genau wie ich's mir 1998 in meinem ersten Buch "Ins Röckchen gezwungen" ausgemalt hatte. Es entwickelte sich ein Mailwechsel zwischen mir und diesem Mann, und wenig später forderte mich Irena Böttcher auf, zur Frage nach der Möglichkeit von 24/7 Stellung zu nehmen. Ich tat es in Form des unten folgenden Textes. "Frage 17" darin bezieht sich auf die ursprüngliche Anfrage des Mannes an Irena Böttcher, eine Frage, die sie dahingehend beantwortet hatte, daß man/frau sich sehr genau aussuchen solle, wem man sich 24/7 hingibt, und eventuell auch einige Sicherungen gegen Machtmißbrauch einbauen solle .....

Man kann sich schon darauf einstellen, daß es passiert. Meist irgendwo auf einem SM-Stammtisch. Wenn irgendwann die Diskussion auf "24/7" kommt, lehnt sich der Gesprächspartner mit ziemlicher Sicherheit entspannt zurück und verkündet, daß so was ja alles alberner Quatsch sei, das gebe es gar nicht. Mit einem überlegenen, feinen Lächeln wird diese Aussage meist garniert, denn man gibt mit dieser Aussage ja seinen Stand der Erkenntnis und seine realistische Einsicht in das Machbare zu erkennen. Ich lächle dann meist zurück und denke mir: Soll er glücklich werden mit dieser Auffassung, ich bin kein Missionar (mehr).
 
Natürlich kann ein Menschenleben keine SM-Dauersession sein. Das hält keiner aus, weder der Dominante noch der Devote. Der 24/7-Sklave, der seiner Herrin alles Hab und Gut überschrieben hat und selbst in Alltagssituationen ständig wie ein Sklave auf einer Session agieren muß - wohl ihm, wenn die Herrin nicht seiner überdrüssig wird, und wehe ihm, wenn er es nicht mehr aushält und wieder rauswill. Der Sklave, der fest verschweißte Ringe um die Arm- und Beingelenke trägt und vom dauernden Klammeraufsetzen schon ganz langgezwirbelte Brustwarzen hat - wohl ihm, wenn er das auch noch mit 70 aushält. (Alles real existierende Fälle). Die Herrin, die nach einer bitteren Enttäuschung in ihrer ersten Ehe beim zweiten Mann nach dem Motto "Beim nächsten Mann wird alles besser" voll den Daumen draufhält, von ihm, der recht gut verdient, den "Zahltag" kassiert und ihm nur ein Taschengeld läßt - die hat schon eher Aussichten, daß es hält, denn warum sollte nicht halten, was anscheinend früher in etlichen Ehen Usus war?
 
In vielen Ehen war es früher üblich, daß SIE - obgleich oder gerade weil nur Hausfrau - das Geld verwaltete, das ER verdiente. Und abzuliefern hatte. Und dennoch: Paßt das eigentlich zusammen, wenn einer "24/7" herrschen will, aber von dem abhängig ist, was sein devoter Partner verdient? Beim Gang durch das - im Alltag nahezu leere - OWK sagte ich mal zu einem Freund, die Ladies hätten ja alle außer Domina noch einen anderen Beruf. Ja, vielleicht seien sie nebenberuflich Hausfrau, entgegnete er lachend. Könnte man(n) vor einer solchen Frau noch Respekt haben? Er jedenfalls nicht, jener Herr, der kürzlich diese Frage 17 gestellt hat. Folgendes schrieb ich ihm u. a.:
 
Eine meiner Autorinnen ist überzeugte 24/7-Sklavin. Von außen betrachtet, führt sie lediglich eine normale, ein wenig altmodische Hausfrauenehe. Ihr Mann verdient gut und versorgt, umsorgt und beschützt sie. Als ich die beiden im Mai 2002 erstmals besuchte, erklärte sie mir auf einem Spaziergang: "Also weißt du, wenn ich besser verdienen würde als Er, dann würde ich halt arbeiten gehen und Er nicht, das wäre überhaupt kein Problem." Ich war skeptisch und dachte mir im stillen: Ja, und wenn du dann abgekämpft von deinem Gutverdiener-Job nach Hause kommst, dann macht Er sich seine Hausmannschürze ab und fängt an, dich herumzukommandieren - bis dir irgendwann der Kragen platzt und du ihm sagst, wer denn hier eigentlich das Geld nach Hause bringt.... Es ist schon so: Soll SM mehr sein als ein Spiel, dann müssen die Rollen im Schlafzimmer und im restlichen Leben übereinstimmen, sonst ist das nichts. Auch die erwähnte Autorin hat das inzwischen eingesehen und geht in ihrer dienenden Rolle vollkommen auf - ein Glück, daß sie zwischen Spülbecken und Staubsauger wenigstens noch dazu kommt, mir einen netten, schönen Roman zu schreiben :-)
 
Von daher ist es nur konsequent, wenn bei der von Ihnen angestrebten Rollenverteilung die Frau auch im Alltagsleben und beim Geldverdienen führt, als Unternehmerin oder dergleichen; allerdings glaube ich, daß wenige dieser Frauen Lust verspüren werden, auch noch nach Feierabend Dominanz zu versprühen. Die meisten wollen vermutlich eher kuscheln und entspannen. Oder die starke Schulter zum Anlehnen, auch wenn's "nur" die des Hausmanns ist. Und auch die meisten gutverdienenden, dominanten Frauen haben eher wenig Neigung, ihren Lebensgefährten zu versorgen (angeblich sollen "Hausmann-Ehen" doppelt so häufig geschieden werden wie andere; in Umfragen "politisch korrekt" anzugeben, daß sie Hausmänner gut finden, ist eine Sache - Gefühl und Geilheit oft eine ganz andere...), während bei Männern das Dominieren und Versorgen der Frauen viel eher traditionell üblich ist. Zudem werden diese Frauen, wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen, die Tendenz haben, "nach oben" zu heiraten, sprich: einen noch erfolgreicheren Mann. Zu dem sie "aufschauen" können. Während es nicht selten vorkommt, daß ein Manager seine Sekretärin heiratet, findet man den umgekehrten Fall, daß etwa eine Chefärztin einen Krankenpfleger heiratet, recht selten. (Die baden-württembergische SPD-Vorsitzende sagte mal in einer Talkshow, sie bekomme nicht selten Briefe/Anträge von Männern, die ihr gern den Haushalt machen und ihr den Rücken für eine Karriere freihalten würden, meinte aber lächelnd, "so einer" sei nichts für sie, damit könne sie nichts anfangen - ein nicht untypischer Fall, denke ich).
 
"Aber welcher Politiker würde sich denn schon getrauen zu sagen, daß er zu Hause eine Hausfrau will, die spurt, oder welche Politikerin, daß sie sich einen braven Hausmann wünscht?" entgegnete er. In der Tat - auch wenn wir keine Politiker sind, spüren wir doch alle mehr oder weniger die Fesseln, die der Alltag der Verwirklichung unserer Phantasien anlegt, mal mehr, mal weniger. Da sind die Kinder, da sind Alltagspflichten, da ist das berufliche oder familiäre Umfeld. Und dennoch scheint es das zu geben: 24/7. Auf "Gloria Brame" gab es mal eine riesige Unterseite, mit Lesestoff, in dem man stundenlang versinken konnte. Alles Beschreibungen von gelungenen 24/7-Partnerschaften. Alle hatten eins gemeinsam: Der Mann war der Herrscher, die Frau diente. Es scheint deutlich mehr Maledom- als Femdom-24/7-Partnerschaften zu geben, vielleicht weil der Mann traditionell die herrschende Rolle gewohnt ist und sie mit mehr Selbstverständlichkeit und Routine ausübt als die meisten Frauen. Weil es naturgegeben ist, würden meine Autorin und ihr Mann aus tiefstem Herzen sagen. Wenn man sich unter 24/7 keine Dauersession vorstellt, sondern eine D/s-Beziehung, in der halt einer der Partner immer das Sagen hat und der andere sich immer unterordnet, warum soll es das nicht geben können? Die Verneiner der Möglichkeit von 24/7 haben scheint's einen mangelnden Sinn für Realismus, weniger die Befürworter.
 
Mit einer Beziehung, in der der devote Partner ein Fußabstreifer ist, sollte man 24/7 gleichfalls nicht verwechseln. Der Rohrstock ist kein Mittel zur Beziehungsklärung, auch nicht in einer 24/7-Partnerschaft, er kann erst zum Einsatz kommen, wenn das Grundsätzliche zwischen Mann und Frau geklärt ist. Die ermüdende Beziehungsdiskussion gibt's auch in einer 24/7-Beziehung, man kann dem nicht entfliehen. "Man muß da durch wie in jeder Partnerschaft" (meine Autorin). Was ich gehört und gelesen habe, geht alles in dieselbe Richtung: Eine 24/7-Partnerschaft verlangt von BEIDEN Partnern, vom dominanten fast noch mehr als vom devoten, ein erhebliches Maß an Selbstdisziplin. Nicht aus der Haut fahren, immer wieder geduldig den Partner führen, nicht ungeduldig werden, wenn die hochgesteckten Ziele nicht gleich erreicht werden, immer der Fels in der Brandung sein - für charakterschwache Möchtegerndomini ist diese Form der Beziehung nichts. Sie trennt die Spreu vom Weizen. Sie ist die Krönung aller SM-Beziehungen. Gelingt sie, kann eine Beziehung von einer Tiefe erreicht werden, die auf andere Art wohl kaum erreichbar ist. Eine längere 24/7-Beziehung kann bei absolutem Vertrauen des Subs und absoluter Integrität des Doms auch in eine TPE(Total Power Exchange)-Beziehung übergehen, die dem devoten Partner kaum noch Rückzugsmöglichkeiten bietet. Eine Extremform, bei der Lust und Leid extreme Werte erreichen - denn hat Sub sich auf den Falschen verlassen, ist er im wahrsten Sinne des Wortes verlassen... Beispiel für eine solche Beziehung ist die des Mitinitiators der holländischen Maledom-Website www.powerotics.com, Hans Meijer (mit "j", nicht mit "s"). Unter anderem hier (  http://soiuser.hyperchat.com/qain/hans.htm ) spricht er über seine Erfahrungen mit der submissiven Diny.
 
Aber ohne Risiko keine Gewinnchance. Eine dunkle Ahnung, daß 24/7 EIGENTLICH die Krönung darstellt, haben doch auch die mehr "spielerisch" eingestellten SMer. So richtig geil wird ein Spiel doch erst, wenn man sich vorstellt, tatsächlich und für immer in der entsprechenden Situation zu sein. Meine Autorin erklärt das in einer fiktiven Szene so: "Weißt du noch, als die Frau gemeint hat, BDSM beruhe für sie auf der "suspension of disbelief", wie im Theater? Auch der Zuschauer weiß, daß er eine Bühne mit Kulissen sieht und kein Schlachtfeld, trotzdem nimmt er die Handlung ernst - für die Dauer des Spiels hat er sein Wissen um die Realität beiseite geschoben, weil man es im Theater tun muß, um das Stück genießen zu können. Auch diese Frau würde, sagte sie, das Wissen, daß sie ihrem Mann nicht gehorchen muß, beiseite schieben, wenn sie spielen, damit sie die gespielte Situation, sie sei ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, genießen könne." So ist es. Des dominanten Mannes Schwanz wächst um einen weiteren Zoll, wenn er sich vorstellt, er sei tatsächlich der arabische Scheich und könne seine Liebste ganz gegen deren Willen peitschen und in seinen Harem sperren. Die Devote wird noch feuchter, wenn sie sich vorstellt, tatsächlich ein zu dauerhaftem Gehorsam gezwungenes Schulmädel von anno dazumal zu sein. Die echten Schulmädel konnten ja damals auch nicht sagen: "Game over!" Die waren dazu verdonnert zu bleiben.... Ein Gutteil unserer Geilheit bei solchen Rollenspielen resultiert aus der Vorstellung, real und für immer so leben zu müssen. Nun wird man das bei einem Inquisitions-Szenario wohl nicht wirklich wollen - aber warum nicht bei der (mich zumindest) durchaus ansprechenden Vorstellung eines Lebens, in dem SM nicht nur eine Art Spiel ist, das man nach Gebrauch wegsteckt wie ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett, sondern eine Art Grundessenz des Lebens, die alles durchtränkt. Wenn es die rechte Essenz ist, gibt sie dem Leben die rechte Würze....
 
Mißtraut den Skeptikern, kann ich nur raten, und folgt eurem Herzen. Und wenn euer Herz 24/7 will, dann macht euch daran, es zu verwirklichen. Mit Augenmaß, mit heißem Herzen, aber kühlem Verstand. Mit etwas Glück gelingt's. 

Rüdiger Happ