Man kann sich schon darauf einstellen, daß es passiert.
Meist irgendwo auf einem SM-Stammtisch. Wenn irgendwann die Diskussion auf
"24/7" kommt, lehnt sich der Gesprächspartner mit ziemlicher Sicherheit entspannt
zurück und verkündet, daß so was ja alles alberner Quatsch sei, das gebe es
gar nicht. Mit einem überlegenen, feinen Lächeln wird diese Aussage meist
garniert, denn man gibt mit dieser Aussage ja seinen Stand der Erkenntnis
und seine realistische Einsicht in das Machbare zu erkennen. Ich lächle dann
meist zurück und denke mir: Soll er glücklich werden mit dieser Auffassung,
ich bin kein Missionar (mehr).
Natürlich kann ein Menschenleben keine SM-Dauersession
sein. Das hält keiner aus, weder der Dominante noch der Devote. Der 24/7-Sklave,
der seiner Herrin alles Hab und Gut überschrieben hat und selbst in Alltagssituationen
ständig wie ein Sklave auf einer Session agieren muß - wohl ihm, wenn die
Herrin nicht seiner überdrüssig wird, und wehe ihm, wenn er es nicht mehr
aushält und wieder rauswill. Der Sklave, der fest verschweißte Ringe um die
Arm- und Beingelenke trägt und vom dauernden Klammeraufsetzen schon ganz langgezwirbelte
Brustwarzen hat - wohl ihm, wenn er das auch noch mit 70 aushält. (Alles
real existierende Fälle). Die Herrin, die nach einer bitteren Enttäuschung
in ihrer ersten Ehe beim zweiten Mann nach dem Motto "Beim nächsten Mann wird
alles besser" voll den Daumen draufhält, von ihm, der recht gut verdient,
den "Zahltag" kassiert und ihm nur ein Taschengeld läßt - die hat schon
eher Aussichten, daß es hält, denn warum sollte nicht halten, was anscheinend
früher in etlichen Ehen Usus war?
In vielen Ehen war es früher üblich, daß SIE -
obgleich oder gerade weil nur Hausfrau - das Geld verwaltete, das ER verdiente.
Und abzuliefern hatte. Und dennoch: Paßt das eigentlich zusammen, wenn einer
"24/7" herrschen will, aber von dem abhängig ist, was sein devoter Partner
verdient? Beim Gang durch das - im Alltag nahezu leere - OWK sagte ich
mal zu einem Freund, die Ladies hätten ja alle außer Domina noch einen anderen
Beruf. Ja, vielleicht seien sie nebenberuflich Hausfrau, entgegnete er lachend.
Könnte man(n) vor einer solchen Frau noch Respekt haben? Er jedenfalls nicht,
jener Herr, der kürzlich diese Frage 17 gestellt hat. Folgendes schrieb
ich ihm u. a.:
Eine meiner Autorinnen ist
überzeugte 24/7-Sklavin. Von außen betrachtet, führt sie lediglich eine normale,
ein wenig altmodische Hausfrauenehe. Ihr Mann verdient gut und versorgt,
umsorgt und beschützt sie. Als ich die beiden im Mai 2002 erstmals besuchte,
erklärte sie mir auf einem Spaziergang: "Also weißt du, wenn ich besser verdienen
würde als Er, dann würde ich halt arbeiten gehen und Er nicht, das wäre überhaupt
kein Problem." Ich war skeptisch und dachte mir im stillen: Ja, und wenn du
dann abgekämpft von deinem Gutverdiener-Job nach Hause kommst, dann macht
Er sich seine Hausmannschürze ab und fängt an, dich herumzukommandieren -
bis dir irgendwann der Kragen platzt und du ihm sagst, wer denn hier eigentlich
das Geld nach Hause bringt.... Es ist schon so: Soll SM mehr sein als ein
Spiel, dann müssen die Rollen im Schlafzimmer und im restlichen Leben übereinstimmen,
sonst ist das nichts. Auch die erwähnte Autorin hat das inzwischen eingesehen
und geht in ihrer dienenden Rolle vollkommen auf - ein Glück, daß sie zwischen
Spülbecken und Staubsauger wenigstens noch dazu kommt, mir einen netten, schönen
Roman zu schreiben :-)
Von daher ist es nur konsequent,
wenn bei der von Ihnen angestrebten Rollenverteilung die Frau auch im Alltagsleben
und beim Geldverdienen führt, als Unternehmerin oder dergleichen; allerdings
glaube ich, daß wenige dieser Frauen Lust verspüren werden, auch noch nach
Feierabend Dominanz zu versprühen. Die meisten wollen vermutlich eher kuscheln
und entspannen. Oder die starke Schulter zum Anlehnen, auch wenn's "nur"
die des Hausmanns ist. Und auch die meisten gutverdienenden, dominanten
Frauen haben eher wenig Neigung, ihren Lebensgefährten zu versorgen (angeblich
sollen "Hausmann-Ehen" doppelt so häufig geschieden werden wie andere; in
Umfragen "politisch korrekt" anzugeben, daß sie Hausmänner gut finden, ist
eine Sache - Gefühl und Geilheit oft eine ganz andere...), während bei Männern
das Dominieren und Versorgen der Frauen viel eher traditionell üblich ist.
Zudem werden diese Frauen, wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen, die Tendenz
haben, "nach oben" zu heiraten, sprich: einen noch erfolgreicheren Mann.
Zu dem sie "aufschauen" können. Während es nicht selten vorkommt, daß
ein Manager seine Sekretärin heiratet, findet man den umgekehrten Fall,
daß etwa eine Chefärztin einen Krankenpfleger heiratet, recht selten. (Die
baden-württembergische SPD-Vorsitzende sagte mal in einer Talkshow, sie
bekomme nicht selten Briefe/Anträge von Männern, die ihr gern den Haushalt
machen und ihr den Rücken für eine Karriere freihalten würden, meinte aber
lächelnd, "so einer" sei nichts für sie, damit könne sie nichts anfangen
- ein nicht untypischer Fall, denke ich).
"Aber welcher Politiker würde sich denn schon
getrauen zu sagen, daß er zu Hause eine Hausfrau will, die spurt, oder welche
Politikerin, daß sie sich einen braven Hausmann wünscht?" entgegnete er.
In der Tat - auch wenn wir keine Politiker sind, spüren wir doch alle mehr
oder weniger die Fesseln, die der Alltag der Verwirklichung unserer Phantasien
anlegt, mal mehr, mal weniger. Da sind die Kinder, da sind Alltagspflichten,
da ist das berufliche oder familiäre Umfeld. Und dennoch scheint es das
zu geben: 24/7. Auf "Gloria Brame" gab es mal eine riesige Unterseite, mit
Lesestoff, in dem man stundenlang versinken konnte. Alles Beschreibungen
von gelungenen 24/7-Partnerschaften. Alle hatten eins gemeinsam: Der Mann
war der Herrscher, die Frau diente. Es scheint deutlich mehr Maledom- als
Femdom-24/7-Partnerschaften zu geben, vielleicht weil der Mann traditionell
die herrschende Rolle gewohnt ist und sie mit mehr Selbstverständlichkeit
und Routine ausübt als die meisten Frauen. Weil es naturgegeben ist, würden
meine Autorin und ihr Mann aus tiefstem Herzen sagen. Wenn man sich unter
24/7 keine Dauersession vorstellt, sondern eine D/s-Beziehung, in der halt
einer der Partner immer das Sagen hat und der andere sich immer unterordnet,
warum soll es das nicht geben können? Die Verneiner der Möglichkeit von
24/7 haben scheint's einen mangelnden Sinn für Realismus, weniger die Befürworter.
Mit einer Beziehung, in der der devote Partner
ein Fußabstreifer ist, sollte man 24/7 gleichfalls nicht verwechseln. Der
Rohrstock ist kein Mittel zur Beziehungsklärung, auch nicht in einer 24/7-Partnerschaft,
er kann erst zum Einsatz kommen, wenn das Grundsätzliche zwischen Mann und
Frau geklärt ist. Die ermüdende Beziehungsdiskussion gibt's auch in einer
24/7-Beziehung, man kann dem nicht entfliehen. "Man muß da durch wie in
jeder Partnerschaft" (meine Autorin). Was ich gehört und gelesen habe, geht
alles in dieselbe Richtung: Eine 24/7-Partnerschaft verlangt von BEIDEN
Partnern, vom dominanten fast noch mehr als vom devoten, ein erhebliches
Maß an Selbstdisziplin. Nicht aus der Haut fahren, immer wieder geduldig
den Partner führen, nicht ungeduldig werden, wenn die hochgesteckten Ziele
nicht gleich erreicht werden, immer der Fels in der Brandung sein -
für charakterschwache Möchtegerndomini ist diese Form der Beziehung nichts.
Sie trennt die Spreu vom Weizen. Sie ist die Krönung aller SM-Beziehungen. Gelingt
sie, kann eine Beziehung von einer Tiefe erreicht werden, die auf andere
Art wohl kaum erreichbar ist. Eine längere 24/7-Beziehung kann bei absolutem
Vertrauen des Subs und absoluter Integrität des Doms auch in eine TPE(Total
Power Exchange)-Beziehung übergehen, die dem devoten Partner kaum noch Rückzugsmöglichkeiten
bietet. Eine Extremform, bei der Lust und Leid extreme Werte erreichen -
denn hat Sub sich auf den Falschen verlassen, ist er im wahrsten Sinne des
Wortes verlassen... Beispiel für eine solche Beziehung ist die des Mitinitiators
der holländischen Maledom-Website www.powerotics.com, Hans
Meijer (mit "j", nicht mit "s"). Unter anderem hier ( http://soiuser.hyperchat.com/qain/hans.htm )
spricht er über seine Erfahrungen mit der submissiven Diny.
Aber ohne Risiko
keine Gewinnchance. Eine dunkle Ahnung, daß 24/7 EIGENTLICH die Krönung
darstellt, haben doch auch die mehr "spielerisch" eingestellten SMer. So
richtig geil wird ein Spiel doch erst, wenn man sich vorstellt, tatsächlich
und für immer in der entsprechenden Situation zu sein. Meine Autorin erklärt
das in einer fiktiven Szene so: "Weißt du noch, als
die Frau gemeint hat, BDSM beruhe für sie auf der "suspension of disbelief",
wie im Theater? Auch der Zuschauer weiß, daß er eine Bühne mit Kulissen
sieht und kein Schlachtfeld, trotzdem nimmt er die Handlung ernst - für
die Dauer des Spiels hat er sein Wissen um die Realität beiseite geschoben,
weil man es im Theater tun muß, um das Stück genießen zu können. Auch diese
Frau würde, sagte sie, das Wissen, daß sie ihrem Mann nicht gehorchen muß,
beiseite schieben, wenn sie spielen, damit sie die gespielte Situation,
sie sei ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, genießen könne." So ist
es. Des dominanten Mannes Schwanz wächst um einen weiteren Zoll, wenn
er sich vorstellt, er sei tatsächlich der arabische Scheich und könne
seine Liebste ganz gegen deren Willen peitschen und in seinen Harem
sperren. Die Devote wird noch feuchter, wenn sie sich vorstellt, tatsächlich ein
zu dauerhaftem Gehorsam gezwungenes Schulmädel von anno dazumal zu sein.
Die echten Schulmädel konnten ja damals auch nicht sagen: "Game over!" Die
waren dazu verdonnert zu bleiben.... Ein Gutteil unserer Geilheit bei solchen
Rollenspielen resultiert aus der Vorstellung, real und für immer so leben
zu müssen. Nun wird man das bei einem Inquisitions-Szenario wohl
nicht wirklich wollen - aber warum nicht bei der (mich zumindest) durchaus
ansprechenden Vorstellung eines Lebens, in dem SM nicht nur eine Art Spiel
ist, das man nach Gebrauch wegsteckt wie ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett,
sondern eine Art Grundessenz des Lebens, die alles durchtränkt. Wenn es
die rechte Essenz ist, gibt sie dem Leben die rechte Würze....
Mißtraut den Skeptikern,
kann ich nur raten, und folgt eurem Herzen. Und wenn euer Herz 24/7 will,
dann macht euch daran, es zu verwirklichen. Mit Augenmaß, mit heißem Herzen,
aber kühlem Verstand. Mit etwas Glück gelingt's.
Rüdiger
Happ
