Aufwändiger Quark
Warum ich von der Rechtschreibreform nicht viel halte und sie auch in Zukunft
so weit wie möglich zu ignorieren gedenke, nebst grundsätzlichen Gedanken
zu Musik auf Websites, zum Servicegedanken in Deutschland, zur Real-Life-Sklaverei
und zu anderen ungeheuer wichtigen Dingen
Die Rechtschreibreform? Ist über diesen Käse nicht schon genug debattiert
worden?
Ja, das ist wahr. Und getretener Quark wird breit, nicht stark, das wissen wir
spätestens seit Goethe, aber wenn wir schon mal eine Mußestunde haben
und sowieso Samstag ist ...
Meine Gründe:
1.) Arbeitsökonomie. Man könnte es auch Faulheit nennen. Die alte
Rechtschreibung zu lernen hat mich genug Mühe gekostet warum sollte
ich mich gänzlich überflüssigerweise noch mal einer solchen
Mühe unterziehen, zumal mich kein Chef ebenso überflüssigerweise
dazu zwingt?
2.) Verbindlich ist die neue Rechtschreibung nur für Ämter und Behörden
und? Sehe ich etwa aus wie ein Amt oder eine Behörde? Seltsame Annahme
... Alle anderen Menschen und Institutionen, die sich mit der Neuschreibung
abmühen, befolgen ohne Not und Zwang, gewissermaßen vorauseilend,
die seltsamen Anweisungen eines dubiosen Gremiums, das demokratisch mitzuwählen
sie niemals die Chance hatten ts ts ts .... (Die meisten Zeitungen wären
hier zu nennen, die 1999 wie eine Hammelherde die Neuschreibung übernahmen;
wie nett wär's doch gewesen zu sagen: Es ist Reform und keiner
macht mit. Es werden überhaupt zu viele Kompromisse gemacht: 1992
stimmten fast alle Abgeordneten im Bundestag den Maastricht-Verträgen zu,
obwohl etliche viele Details für verheerend hielten, später stimmten
viele dem Euro zu, obwohl sie viele Details für verheerend hielten, und
und und ... Neuerdings sind sogar die SCHLAGZEILEN bei der Rechtschreibung umgefallen:
Es werde immer schwieriger, die alte Rechtschreibung beizubehalten, schrieben
sie im Herbst 2003 sollten mal bei den Kollegen von der FAZ Nachhilfeunterricht
nehmen, die Guten
;-)
No taxation without representation das war der Grundsatz
der amerikanischen Kolonisten, als sie die englische Oberherrschaft abschüttelten;
ein Grundsatz, der vielen heute abzugehen scheint. Ich erinnere mich noch, wie
befremdet ich war, als ich im Schreibmaschinenkurs hörte, daß eine
Industrienorm regelt, welcher Finger welchen Buchstaben anzuschlagen
hat. Da hieß es nicht etwa Es empfiehlt sich / es hat sich bewährt,
y mit dem linken kleinen Finger anzuschlagen, nein, menschliches Verhalten
wurde einer Industrienorm unterworfen wie eine Papiergröße oder Drahtstärke,
normiert von einem Gremium, das sich keiner demokratischen Wahl unterziehen
muß.
Aber waren wir der alten Rechtschreibung nicht auch irgendwie unterworfen?
Mitsamt all ihren Albernheiten? Ja, waren wir. Ich will das auch gar nicht schönreden
(Zusammenschreibung!); natürlich gab es da Spitzfindigkeiten wie
Auto fahren radfahren
Es macht mir angst es macht mir Freude
(ich finde, es ist zumindest möglich, angst hier
als Substantiv aufzufassen, also sollte Großschreibung als Variante erlaubt
sein)
Statt aber solche Ungereimtheiten behutsam zu glätten, holte man gleich
zur großen Gesellschaftsveränderung aus, damals in den schon so fernen
70er Jahren. Ich weiß jetzt, warum die zehn Gebote so klar, eindeutig
und unmißverständlich sind; sie sind nämlich nicht auf einer
Konferenz beschlossen worden (Konrad Adenauer). Die Rechtschreibreform
ist insofern eine typische Konferenzgeburt: Nichts Halbes und nichts Ganzes,
ein Kompromiß, in sich widersprüchlich, konfus, ärgerlich.
Rechtschreibung galt den progressiven Gemütern in den 70ern als reaktionär;
sie versuchten in der Reformdebatte, die sogenannte gemäßigte
Kleinschreibung durchzusetzen, die in Wahrheit eine ziemlich radikale
gewesen wäre (sogenannt in Zusammenschreibung drückt aus, daß
eine Sache zwar von vielen Leuten so genannt wird, der Sprecher
das jedoch dubios findet). Damit konnten sich die progressiven Gemüter
jedoch nicht durchsetzen. Ein jahrzehntelanges Gerangel folgte; Ergebnis war
1996 jener unselige Kompromiß, mit dessen Folgen wir uns noch heute herumschlagen.
Einem nie dementierten Gerücht zufolge wollten die Kultusminister damals
in letzter Sekunde die unausgegorene Reform stoppen, aber ihnen wurde gesagt:
Bertelsmann hat schon gedruckt! Ja dann ... Eigentlich hätte
ich so was eher in den USA vermutet, so ein Übergewicht privater Geschäftsinteressen,
aber offenbar macht sich das nun auch bei uns breit ...
Ziel der Reformer war vor allem, den Schülern das Lernen zu erleichtern.
Schon das halte ich für im Ansatz verkehrt, nicht weil ich Sadist wäre,
sondern weil eine Rechtschreibung in erster Linie für die Leser
da ist, nicht für die Schreiber. Wenn es sich nicht gerade um private Briefe
oder E-Mails handelt (bei denen Fehler eh nicht so schlimm sind), werden die
meisten Texte von weitaus mehr Menschen gelesen als geschrieben; den Lesern
gilt es die Arbeit zu erleichtern, nicht den Schreibern. Insbesondere bei der
Zusammen- und Getrenntschreibung hat die neue Rechtschreibung in ihrem Bemühen
um Vereinfachung viel Schaden angerichtet.
|
Die Gäste des Empfangs hatten sich schon zwei Stunden
lang die Beine in den Bauch gestanden; dennoch mußten sie auch während
der langweiligen Rede des Botschafters weiter stehen bleiben. Er hat schön geredet, findest du nicht
auch? Ja, und besonders wohltuend finde ich, daß
er bei der Wahrheit geblieben ist, daß er die Dinge nicht schöngeredet
hat. Ein besonders schönes Beispiel für die neue "Schlechtschreibung"
(BILD) ist auch jene Schlagzeile (sinngemäß zitiert): |
Und so weiter und so fort, die Beispiele sind Legion. Selbst die die Reform
praktizierende Südwestpresse hat diesen Unsinn, diese Zerstörung alter
Differenziertheit, unlängst in einem Kommentar kritisiert. Was sie nicht
daran hindert, dabei weiter mitzumachen. Ein seltsames Phänomen: Es gab
und gibt zwar mancherlei Gemecker, aber die meisten machen brav mit, als wäre
das Ganze ein unabwendbares Schicksal. Abgesehen von der Wiener Kronenzeitung
(nicht dem edelsten Zeugen) war es nur die Frankfurter Allgemeine, die nach
einem Jahr des Mitmachens im Sommer 2000 erklärte (sinngemäß):
Egal, was die anderen machen wir machen diesen Stuß nicht
mehr mit. Und fortan wieder alt schrieb. Wie hieß es
doch in den 80er Jahren in einem Ratgeber für Bewerbungen: Beachten
Sie die aktuelle Schreibweise (des Datums). Also ich bin immer noch am
9.7. (neunten siebten) geboren, nicht am 09.07. (nullneuntennullsiebten).
Aber machen Sie das mal jemandem klar, dessen oberster Wert darin besteht, up
to date und aktuell zu sein. Aktuell war in den
30er Jahren z. B. der Faschismus aber deswegen war er noch lange nicht
gut.
Es schadet niemandem, über diese o. a. Bedeutungsunterschiede nachzudenken
und es überfordert die Schüler auch nicht. Um 1985 erschien
mal in der Zeitschrift Gymnasium oder Die Höhere Schule
eine Statistik eines Deutschlehrers: Vom Beginn seiner Lehrerlaufbahn 1952 bis
zu seiner Pensionierung 1985 hatte er mehrere Male eine siebte Klasse in Deutsch
unterrichtet, in der zweiten Jahreshälfte bestimmte Rechtschreibprobleme
behandelt und danach darüber ein Diktat schreiben lassen jedesmal
dasselbe Diktat. Resultat: Von 1952 bis 1985 waren die Schülerleistungen
kontinuierlich abgesunken, die Fehlerzahlen angestiegen. Ende der 60er Jahre
mußte er den Notenschlüssel ändern, sonst wären zu viele
Schüler unter dem Strich gewesen, es hätte Ärger
geben, die Arbeit wäre nicht anerkannt worden, und schuld gewesen wäre
wahrscheinlich der ach so schreckliche Schulstreß und die angeblich zu
schwierige Rechtschreibung ...
Ansonsten wurde selbst das Ziel der Reformer, die ganze Chose zu vereinfachen,
gründlich verfehlt. Daß z. B. Prot-agonist (Vor-kämpfer)
und Päd-agoge (Kinder-führer) jetzt nach Sprechsilben
getrennt werden dürfen, finde sogar ich mit meinem Graecum halbwegs in
Ordnung, aber schon bei der simplen Frage, ob die aus dem Griechischen stammenden
Fremdwörter nun mit f oder mit ph geschrieben werden sollen, verließ
die Reformer der Mumm: Es blieb beim unlogischen Nebeneinander von Telefon und
Elefant einerseits und Philosophie und Phonetik andererseits.
Von Anfang an widersprachen sich verschiedene Wörterbücher der Neuschreibung,
im Laufe der Jahre wurde manches zurückgenommen, mehr Varianten zugelassen,
die Konfusion wächst immer weiter, neuerdings stehlen sich die Kultusminister
aus der Verantwortung für das von ihnen mit angerichtete Chaos, überlassen
das Ganze dieser dubiosen, undemokratischen Kommission, aus der längst
die besten Mitglieder unter Protest ausgeschieden sind ....
Und diesen Mist soll ich mitmachen? Eine Zeitlang paßte ich mich der neuen
ß/ss-Schreibung an, wie man auf dieser Website nachlesen kann. Das nachträglich
zu ändern, stünde natürlich Grundsatz Nr. 1 (der Faulheit) im
Wege, also laß ich's. Und wenn jemand unbedingt meint, mir ein Manuskript
in der neuen Rechtschreibung anbieten zu müssen (meist bedauernswerte Profischreiber
oder weniger bedauernswerte Leute, die sich beflissen anpassen), dann laß
ich's in der Regel auch dabei, korrigiere es halt, so gut es mir möglich
ist (denn ich habe nur zwei dünne Heftchen mit den Grundregeln der neuen
Rechtschreibung, aber keinen neuen Duden mein Haus bleibt
rein), und gut ist. Ansonsten lasse ich alles so, wie es bisher war ...
So viel zu einer Frage, bei der ich bislang noch nicht angemeckert wurde
und nun zu etwas ganz anderem (oder auch nicht).
Musik wird als störend oft empfunden
da stets sie mit Geräusch verbunden (oder so ähnlich)
Die Musik auf Eurer Website nervt ohne Ende!! Baut wenigstens einen Button
zum Abstellen mit ein!!! So brüllte mich Ende 2002 eine Dreizeilenmail
an. Nun, wie man in einen Verleger hineinbrüllt, so schallt es heraus.
Den Abschaltknopf gibt es doch schon längst schalt halt Deinen
Lautsprecher ab! schrie ich zurück. Es folgte eine völlig entgeisterte
Rückantwort des Inhalts, was mir denn einfiele, ihn zu duzen, Unverschämtheit,
da sehe man mal wieder, was für eine Servicewüste Deutschland sei,
und wenn man so was nicht tun wolle, solle man doch besser gar keine Dienstleistung
anbieten. Auch wenn man den Lautsprecher abschalte, so habe man doch unter den
unsinnig verlängerten Ladezeiten zu leiden. (Unsinn die Seite läßt
sich auch schon scrollen, wenn die Musik noch nicht geladen ist).
Zwei Jahre später kam eine etwas freundlichere Mail von einem offenbar
jüngeren Menschen, der meinte, die Musik auf meiner Homepage sei ja ziemlich
peinlich, insbesondere für jemanden wie aus der jüngeren Generation
wie ihn (den Schreiber); wenn schon Musik, dann allenfalls sphärische Klänge.
Die Musik sei einer der Hauptgründe, weshalb es ihm fast unangenehm sei,
die Marterpage weiterzuempfehlen. (Dem antwortete ich freundlicher, nahm sogar
ein Musikstück raus).
Wiederum etwas später verriet mir Rainer Liesegang, der Webmaster von www.loving-contempt.com
, er habe meine Website immer schon wegen ihres leicht ironischen, nicht alles
so bierernst nehmenden Untertons geschätzt und das auch wegen
der Musik! (Wegen dieses Nachsatzes war ich glücklich sonst
hatte Lob die Musik immer ausgespart ...)
Wiederum kurze Zeit später nahm ein Kunde eine fast schon abgeschickte
Bestellung wieder zurück aus Ärger, weil er sich drei Minuten
lang in der Galerie 3 verfangen hatte. Solche Scherze zeigten, daß
ich kein seriöser Geschäftsmann sei. Ach Gottchen.
Das führt uns zu der Frage, wie sehr man als Dienstleister
ein Real-Life-24/7-Sklave seiner Kundschaft (der angeblichen Könige)
sein soll. Schon als Buchhändler Ende der 80er Jahre merkte ich, daß
manche einen Ladenangestellten als Blitzableiter für mancherlei anderswo
erlittenes Ungemach mißbrauchten. Muß man sich das gefallen lassen?
In den frühen 80er Jahren gab es leider wie üblich zu nachtschlafender
Zeit in der ARD eine kleine Serie mit Spielfilmen aus Hongkong
eine Serie, die beweisen sollte, daß in der damals noch britischen Stadt
keineswegs nur Kung-Fu-Filme gedreht wurden. Einer dieser Filme handelte
von dem entbehrungsreichen, harten Training derjenigen Kinder, die zu späteren
Akteuren in der Peking-Oper bestimmt waren und einer handelte von einem
kleinen Imbißlokal. Der Chef war von der Sorte hart, aber herzlich,
sowohl zu den Kunden als auch zu den Mitarbeitern. Wenn spätabends Feierabend
war, gab er jedem seiner nach Hause aufbrechenden Mitarbeiter eine Mülltüte
mit: So, auf dem Heimweg verteilt jeder den Müll auf die Mülltonnen
der Umgebung! Das spart Geld! In seinem Heim, umgeben von klapprigen Möbeln
und zusammenbrechenden alten Schwarzweißfernsehern, mußte er sich
dann von seiner Schwiegermutter entnervt anhören, sie habe ihrer Tochter
ja schon immer geraten, jemand Reicheres zu heiraten .....
Einer seiner Angestellten hat schließlich die Faxen dicke, kündigt
und heuerte bei einem neueröffneten amerikanischen Schnellimbiß gleich
nebenan, seinem bisherigen Chef zum Tort. Doch er kam vom Regen in die Traufe:
Was man ihm im neuen Ami-Imbiß an Demut gegenüber dem Kunden (Der
Kunde hat immer recht!) abverlangte, übertraf die alte erlittene
Unbill im Laden seines Ex-Arbeitgebers bei weitem. Der Schluß kann nicht
zweifelhaft sein: die reumütige Rückkehr .... (... und das Ganze sehr
witzig geschildert!).
Friedrich Torberg näherte sich dem Sachverhalt in seinem unsterblichen
Buch Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlands in Anekdoten
auf etwas andere Weise:
+++++++
Die Fladentorte gehörte zu den Spezialitäten, für die das
Restaurant Neugröschl im II. Wiener Gemeindebezirk berühmt war. Noch
berühmter war es für die Person seines Besitzers, eines Originals
von seltener Urwüchsigkeit und ebensolcher Grobheit, die an seiner vierschrötigen
Gestalt nachdrückliche Stützung fand. Es war nicht gut, Herrn Neugröschl
zu widersprechen oder sich sonstwie mit ihm anzulegen. Wenn ein Stammgast gelegentlich
fragte (und nur ein Stammgast durfte das überhaupt riskieren): Herr
Neugröschl, was gibt's denn heute besonders Gutes? und wenn Herr
Neugröschl antwortete: Was auf der Karte steht, dann tat der
Stammgast am klügsten, den schroffen Bescheid hinzunehmen und nicht etwa
aufzumucken, wie ein Verwegener es einmal tat: Dazu hätte ich Sie
ja nicht fragen müssen, murrte er und empfing die prompte Replik:
Nicht? Was fragen Sie dann so blöd? Von mir aus müssen Sie gar
nicht erst herkommen! Denn Herr Neugröschl konnte auf Gäste
mühelos verzichten. Er hatte ihrer übergenug.
[Ein paar Absätze weiter:] Das käme auch der nun folgenden Geschichte
sehr zustatten, die sozusagen das Paradigma der Behandlung darstellt, die Herr
Neugröschl seinen Gästen angedeihen ließ und die auf einer Umkehrung
des im Gastgewerbe üblichen Leitsatzes beruhte, demzufolge der Gast immer
recht hat. Bei Herrn Neugröschl hatte der Gast immer unrecht.
+++++++++
Nein, ganz so geht's natürlich auch nicht. Mit dem Ausleben meiner dominanten
Triebe an meiner Kundschaft muß ich noch ein wenig warten, bis ich besser
etabliert bin J
Es ist ja auch eine Frage des Tons. Denn der Ton macht bekanntlich die Musik
(womit wir wieder beim Thema wärenJ);
hätte man mir geschrieben: Sehr geehrter Herr Happ, finden Sie nicht,
daß die Musik auf Ihrer Website ein wenig störend ist?
dann hätte ich ein wenig wohlwollender darüber nachgedacht. Ja, in
der Tat, auf denjenigen Teilen meiner Website, die man nur kurz besucht, oder
wo man schnell hin- und herblättert, da ist die Musik wohl in der Tat nicht
ganz das Wahre zur Untermalung längerer Lektüre hingegen finde
ich sie nach wie vor ideal, und deshalb bleibt sie da auch und wird sogar weiter
ausgebaut J
Nachtrag 1: Besonders störe die Musik, schreiben mir manche, wenn man vom
Geschäft aus, wie man im Schwäbischen sagt, auf meine
Seite surft und dann mit der Musik gleich neugierige Kollegen anlockt
....
Also wenn ich so was lese, dann bin ich innerlich gespalten: Einerseits find
ich's ja schön, daß es manche selbst während der Arbeitszeit
vor lauter Geilheit und Neugier auf meine Seiten treibt, andererseits muß
ich als Selbständiger und Arbeitgeber natürlich aufs schärfste
mißbilligen ;-)
Nachtrag 2: Die Musik zu diesem Text ist Boom boom boom von John
Lee Hooker. Hooker pflegte zu Auftritten in einem Club regelmäßig
zu spät zu kommen, bis einmal die verärgerte Managerin ihn mit dem
Zeigefinger abschoß und sagte: Dafür sollte man
dich erschießen! Bumm! Bumm! Nun, Hooker kam weiterhin zu spät,
nutzte aber den Vorfall, um einen seiner schönsten Songs zu schreiben
genau wie ich die o. a. Anlässe für diesen Text genutzt habe. Wobei
ich ehrlich sagen muß, daß mir wegen der Rechtschreibung noch niemand
Vorwürfe gemacht hat. Mitte der 80er Jahre fiel mir einmal ein herrlicher
Prospekt des Haffmans Verlags in die Hände, in dem der Verleger auch kein
Blatt vor den Mund nahm: Wir müssen uns des öfteren anhören,
Taschenbücher und besonders unsere seien zu teuer. Damit
da Ruhe ist: und dann kam eine Publikumsbeschimpfung vom feinsten
... Nun ist mir natürlich klar, daß das Appetitmachen auf die Ware
und die Umschmeichlung der Leute (so à la orientalischer Teppichhändler)
natürlich auch zum Handwerk gehört, aber man muß auch mal sagen
dürfen, was schon meine Mutter (Lateinlehrerin) zu monieren pflegte: Für
alles haben sie Geld, die lieben Eltern, für Restaurantbesuche, Skiurlaube,
dicke Autos und Fernseher, aber wenn sie mal für ihre Sprößlinge
eine Lektüre für 5 Mark anschaffen sollen, dann ist das Geschrei groß,
und die Lernmittelfreiheit wird bemüht. Haffmans rechnete seinerzeit
vor, daß von den ach so teuren Büchern gar nicht viel übrig
blieb; kann ich auch: Von 15 Euro Buchpreis eines 160-Seiten-Buchs bleiben nach
dem Autorenhonorar 13,50 Euro, 3,50 Euro kostet der Druck im Printing-on-Demand-Verfahren,
0,50 Euro pro Stück kostet bei 2000 Stück Auflage das Titelbild (Grafikerin/Rechte
am Foto), und das Gros der Bücher geht mit 50 % Rabatt auf den Ladenpreis
portofrei an Großhändler. Bleiben also 2,50 Euro pro Buch bei mir
hängen aber ich brauche alle paar Jahre neue PCs, Büromaterial,
Fahrtkosten fallen an und Mehrwertsteuer viel mehr als 1 Euro pro Buch
bleibt als Reingewinn (vor Steuern) nicht. Und deswegen müssen die Bücher
so teuer sein, wie sie nun mal sind.... Was Haffmans schrieb, kann ich nur unterschreiben.
Auch wenn ich dadurch wieder mal in den Ruch der Arroganz komme. Aber damit
fährt sich's nicht schlecht ....
Nachtrag 3:
Noch'n Zitat:
Jetzt bloß nicht tolerant sein. Lieber die unvernünftigste
Wut, die schäumendste Raserei als dieses wabblige Hinnehmen der Dinge.
Was da als Toleranz und Vernunft auf dickem Hintern sitzt, ist oft der pure
Zynismus. Das muß man ganz eng sehen.
Überhaupt muß man vieles ganz eng sehen, sonst wird es nicht deutlich.
Lieber nervöse Flüche als diese entspannte Bejahung der Dinge, wie
sie sich die deutschen Nachwuchsbosse in Intensivkursen von feisten Gurus beibringen
lassen. Lieber arrogant als tolerant. Denn das meiste ist nach wie vor unerträglich.
(Joseph von Westphalen, Warum ich mich trotzdem entrüste)
Nachtrag 4: Die FAZ ist inzwischen das Bollwerk der alten Rechtschreibung, fast
täglich sind dort Leserbriefe und Artikel wider die Neuschreibung zu lesen,
kaum noch für sie. Der DTV-Verleger ist gegen sie, sogar ein kleiner Schulbuchverlag
versucht gegen sie zu opponieren
,
eine wachsende Zahl von Politikern aus allen Lagern opponiert gegen sie, aber
alles ist so wachsweich statt einfach ihre Ämter anzuweisen, auszuscheren
und wieder alt zu schreiben, verlegt man sich aufs Konferieren,
derweil die Neuschreib-Befürworter lächelnd verkünden, egal ob
Sinn oder Unsinn, der Zug sei abgefahren, und alles aussitzen wollen.
Ich fürchte mal, in einem Land, das nicht mal die Kraft hat, die dämliche
Sommerzeit wieder abzuschaffen (Was ist aus der ursprünglich avisierten
Energieersparnis geworden? Gar nichts!), wird man auch diesen Unsinn nicht mehr
stoppen können ..... Schade eigentlich, daß man die dringend nötigen
Reformen unserer Gesellschaft ausgerechnet mit einer Reform eingeläutet
hat, die überflüssig ist wie ein Kropf ....
Herzlichst
Rüdiger Happ
Marterpfahl Verlag
Nachtrag 10.8.2004
Kaum hatte ich diesen (schon vor Monaten begonnenen) Artikel fertig- und online gestellt, da meldeten SPIEGEL, Springer-Presse und Süddeutsche Zeitung am 6. August überraschend und unisono, daß auch sie die Nase voll hätten und zur bewährten Rechtschreibung zurückkehren wollten, ein Schritt, zu dem sie auch andere Verlage aufriefen, ein Schritt, dem sich auch die SCHLAGZEILEN anschlossen, die erst im Herbst 2003 zur Neuschreibung übergegangen waren:
"Nachdem nun auch nach Frankfurter Allgemeine der Spiegel und der Springer Verlag zur alten Rechtschreibung zurückgehen, werden wir dem Aufruf dieser Medien folgen und auch die ganzen komischen Verwirrungen der neuen Rechtschreibung in die Tonne treten, denn sie waren uns von jeher ein Greuel (jetzt wieder, bisher Gräuel)." (Matthias Grimme)
Damit ist die Sache hoffentlich ausgestanden, und als Hausregel des Marterpfahl Verlags gilt von nun an, daß alle neuen Texte in der bewährten Rechtschreibung erscheinen, es sei denn, der Verfasser wünscht ausdrücklich etwas anderes.
Mit frohen Grüßen Rüdiger Happ