Aufwändiger Quark

Warum ich von der Rechtschreibreform nicht viel halte und sie auch in Zukunft so weit wie möglich zu ignorieren gedenke, nebst grundsätzlichen Gedanken zu Musik auf Websites, zum Servicegedanken in Deutschland, zur Real-Life-Sklaverei und zu anderen ungeheuer wichtigen Dingen


Die Rechtschreibreform? Ist über diesen Käse nicht schon genug debattiert worden?
Ja, das ist wahr. Und getretener Quark wird breit, nicht stark, das wissen wir spätestens seit Goethe, aber wenn wir schon mal eine Mußestunde haben und sowieso Samstag ist ...

Meine Gründe:

1.) Arbeitsökonomie. Man könnte es auch Faulheit nennen. Die alte Rechtschreibung zu lernen hat mich genug Mühe gekostet – warum sollte ich mich gänzlich überflüssigerweise noch mal einer solchen Mühe unterziehen, zumal mich kein Chef ebenso überflüssigerweise dazu zwingt?

2.) Verbindlich ist die neue Rechtschreibung nur für Ämter und Behörden – und? Sehe ich etwa aus wie ein Amt oder eine Behörde? Seltsame Annahme ... Alle anderen Menschen und Institutionen, die sich mit der Neuschreibung abmühen, befolgen ohne Not und Zwang, gewissermaßen vorauseilend, die seltsamen Anweisungen eines dubiosen Gremiums, das demokratisch mitzuwählen sie niemals die Chance hatten – ts ts ts .... (Die meisten Zeitungen wären hier zu nennen, die 1999 wie eine Hammelherde die Neuschreibung übernahmen; wie nett wär's doch gewesen zu sagen: „Es ist Reform – und keiner macht mit.“ Es werden überhaupt zu viele Kompromisse gemacht: 1992 stimmten fast alle Abgeordneten im Bundestag den Maastricht-Verträgen zu, obwohl etliche viele Details für verheerend hielten, später stimmten viele dem Euro zu, obwohl sie viele Details für verheerend hielten, und und und ... Neuerdings sind sogar die SCHLAGZEILEN bei der Rechtschreibung umgefallen: Es werde immer schwieriger, die alte Rechtschreibung beizubehalten, schrieben sie im Herbst 2003 – sollten mal bei den Kollegen von der FAZ Nachhilfeunterricht nehmen, die Guten…;-)

„No taxation without representation“ – das war der Grundsatz der amerikanischen Kolonisten, als sie die englische Oberherrschaft abschüttelten; ein Grundsatz, der vielen heute abzugehen scheint. Ich erinnere mich noch, wie befremdet ich war, als ich im Schreibmaschinenkurs hörte, daß eine Industrienorm regelt, welcher Finger welchen Buchstaben anzuschlagen hat. Da hieß es nicht etwa „Es empfiehlt sich / es hat sich bewährt, y mit dem linken kleinen Finger anzuschlagen“, nein, menschliches Verhalten wurde einer Industrienorm unterworfen wie eine Papiergröße oder Drahtstärke, normiert von einem Gremium, das sich keiner demokratischen Wahl unterziehen muß.

Aber waren wir der alten Rechtschreibung nicht auch irgendwie „unterworfen“? Mitsamt all ihren Albernheiten? Ja, waren wir. Ich will das auch gar nicht schönreden (Zusammenschreibung!); natürlich gab es da Spitzfindigkeiten wie

Auto fahren – radfahren

Es macht mir angst – es macht mir Freude
(ich finde, es ist zumindest möglich, „angst“ hier als Substantiv aufzufassen, also sollte Großschreibung als Variante erlaubt sein)

Statt aber solche Ungereimtheiten behutsam zu glätten, holte man gleich zur großen Gesellschaftsveränderung aus, damals in den schon so fernen 70er Jahren. „Ich weiß jetzt, warum die zehn Gebote so klar, eindeutig und unmißverständlich sind; sie sind nämlich nicht auf einer Konferenz beschlossen worden“ (Konrad Adenauer). Die Rechtschreibreform ist insofern eine typische Konferenzgeburt: Nichts Halbes und nichts Ganzes, ein Kompromiß, in sich widersprüchlich, konfus, ärgerlich.
Rechtschreibung galt den progressiven Gemütern in den 70ern als reaktionär; sie versuchten in der Reformdebatte, die sogenannte „gemäßigte Kleinschreibung“ durchzusetzen, die in Wahrheit eine ziemlich radikale gewesen wäre (sogenannt in Zusammenschreibung drückt aus, daß eine Sache zwar von vielen Leuten „so genannt“ wird, der Sprecher das jedoch dubios findet). Damit konnten sich die progressiven Gemüter jedoch nicht durchsetzen. Ein jahrzehntelanges Gerangel folgte; Ergebnis war 1996 jener unselige Kompromiß, mit dessen Folgen wir uns noch heute herumschlagen. Einem nie dementierten Gerücht zufolge wollten die Kultusminister damals in letzter Sekunde die unausgegorene Reform stoppen, aber ihnen wurde gesagt: „Bertelsmann hat schon gedruckt!“ Ja dann ... Eigentlich hätte ich so was eher in den USA vermutet, so ein Übergewicht privater Geschäftsinteressen, aber offenbar macht sich das nun auch bei uns breit ...

Ziel der Reformer war vor allem, den Schülern das Lernen zu erleichtern. Schon das halte ich für im Ansatz verkehrt, nicht weil ich Sadist wäre, sondern weil eine Rechtschreibung in erster Linie für die Leser da ist, nicht für die Schreiber. Wenn es sich nicht gerade um private Briefe oder E-Mails handelt (bei denen Fehler eh nicht so schlimm sind), werden die meisten Texte von weitaus mehr Menschen gelesen als geschrieben; den Lesern gilt es die Arbeit zu erleichtern, nicht den Schreibern. Insbesondere bei der Zusammen- und Getrenntschreibung hat die neue Rechtschreibung in ihrem Bemühen um Vereinfachung viel Schaden angerichtet.

Die Gäste des Empfangs hatten sich schon zwei Stunden lang die Beine in den Bauch gestanden; dennoch mußten sie auch während der langweiligen Rede des Botschafters weiter stehen bleiben.

„Halt! Sofort stehenbleiben!“ rief der Polizist dem fliehenden Verbrecher nach.

„Er hat schön geredet, findest du nicht auch?“ – „Ja, und besonders wohltuend finde ich, daß er bei der Wahrheit geblieben ist, daß er die Dinge nicht schöngeredet hat.“

Er ignorierte den Wecker; er wollte einfach noch eine Viertelstunde länger liegen bleiben. „Wenn du weiter so faul bist und dich weiter so gehenläßt, wirst du dieses Jahr schon wieder sitzenbleiben!“ ermahnte ihn sein Vater. „Wirst du dein Auto heute in der Werkstatt durchchecken lassen, damit du im Urlaub in Lappland nicht in der Einöde liegenbleibst, Vater?“ – „Ja, natürlich, vorausgesetzt, mein Chef wird mich heute nachmittag früher gehen lassen.“ – „Unser Direktor meinte auch, wegen der Schulfeier und der Ansprache müßten wir nach Unterrichtsschluß noch zehn Minuten länger sitzen bleiben.“

„Du hast doch auch dabeigesessen, als diese Beschlüsse gefaßt wurden!“ – „Nein, ich hab in der Kneipe nebenan ein Bier getrunken und dabei gesessen, als hier der Betriebsrat tagte.“

„In diesen Schuhen wirst du ganz bestimmt schief gehen!“ – „Ja, wenn das so ist, wird das mit dem Ausflug morgen nachmittag sicher schiefgehen!“

„Wenn du diesem alten Mann seinen Stock wegnimmst, wird er schwer fallen!“ – „Ja, das stimmt, das einzusehen, wird uns bestimmt nicht schwerfallen!“

„Gestern gingen wir so weit, daß mir die Füße weh taten!“ – „Ja – soweit ich weiß, nimmt man auf unsere Beschwerden gar keine Rücksicht mehr!“

„Seltsame Rechtschreibregeln gelten hierzulande seit neuestem!“ – „Ja, allerdings, und diese Regeln sollen hier zu Lande und zu Wasser gelten, auch auf Schiffen gibt's da keine Ausnahme!“

Aus einer neuen „Südwestpresse“: „Die Zukunft des Asbest entsorgten ‚Palastes der Republik' ...“ Da tun einem ja die Augen weh! Also entweder sollte man schreiben: „Die Zukunft des asbestentsorgten ‚Palastes der Republik' .....“, als EIN Adjektiv also, oder man sollte schreiben „Die Zukunft des von Asbest entsorgten ‚Palastes der Republik' ....“, mit einer Partizipialgruppe und Präposition also, aber nicht so eine Mißgeburt wie ganz oben ...
L

Ein besonders schönes Beispiel für die neue "Schlechtschreibung" (BILD) ist auch jene Schlagzeile (sinngemäß zitiert):
Schwarzenegger: "Kalifornier! Ich werde euch nicht hängen lassen!"
Das ist nett von Arnie, daß er darauf verzichtet, seine Wähler aufknüpfen zu lassen - vermutlich meint er "nicht hängenlassen" (=nicht im Stich lassen)


Und so weiter und so fort, die Beispiele sind Legion. Selbst die die Reform praktizierende Südwestpresse hat diesen Unsinn, diese Zerstörung alter Differenziertheit, unlängst in einem Kommentar kritisiert. Was sie nicht daran hindert, dabei weiter mitzumachen. Ein seltsames Phänomen: Es gab und gibt zwar mancherlei Gemecker, aber die meisten machen brav mit, als wäre das Ganze ein unabwendbares Schicksal. Abgesehen von der Wiener Kronenzeitung (nicht dem edelsten Zeugen) war es nur die Frankfurter Allgemeine, die nach einem Jahr des Mitmachens im Sommer 2000 erklärte (sinngemäß): „Egal, was die anderen machen – wir machen diesen Stuß nicht mehr mit.“ Und fortan wieder „alt“ schrieb. Wie hieß es doch in den 80er Jahren in einem Ratgeber für Bewerbungen: „Beachten Sie die aktuelle Schreibweise“ (des Datums). Also ich bin immer noch am 9.7. (neunten siebten) geboren, nicht am „09.07.“ (nullneuntennullsiebten). Aber machen Sie das mal jemandem klar, dessen oberster Wert darin besteht, „up to date“ und „aktuell“ zu sein. „Aktuell“ war in den 30er Jahren z. B. der Faschismus – aber deswegen war er noch lange nicht gut.
Es schadet niemandem, über diese o. a. Bedeutungsunterschiede nachzudenken – und es überfordert die Schüler auch nicht. Um 1985 erschien mal in der Zeitschrift „Gymnasium“ oder „Die Höhere Schule“ eine Statistik eines Deutschlehrers: Vom Beginn seiner Lehrerlaufbahn 1952 bis zu seiner Pensionierung 1985 hatte er mehrere Male eine siebte Klasse in Deutsch unterrichtet, in der zweiten Jahreshälfte bestimmte Rechtschreibprobleme behandelt und danach darüber ein Diktat schreiben lassen – jedesmal dasselbe Diktat. Resultat: Von 1952 bis 1985 waren die Schülerleistungen kontinuierlich abgesunken, die Fehlerzahlen angestiegen. Ende der 60er Jahre mußte er den Notenschlüssel ändern, sonst wären zu viele Schüler „unter dem Strich“ gewesen, es hätte Ärger geben, die Arbeit wäre nicht anerkannt worden, und schuld gewesen wäre wahrscheinlich der ach so schreckliche Schulstreß und die angeblich zu schwierige Rechtschreibung ...
Ansonsten wurde selbst das Ziel der Reformer, die ganze Chose zu vereinfachen, gründlich verfehlt. Daß z. B. Prot-agonist („Vor-kämpfer“) und Päd-agoge („Kinder-führer“) jetzt nach Sprechsilben getrennt werden dürfen, finde sogar ich mit meinem Graecum halbwegs in Ordnung, aber schon bei der simplen Frage, ob die aus dem Griechischen stammenden Fremdwörter nun mit f oder mit ph geschrieben werden sollen, verließ die Reformer der Mumm: Es blieb beim unlogischen Nebeneinander von Telefon und Elefant einerseits und Philosophie und Phonetik andererseits.
Von Anfang an widersprachen sich verschiedene Wörterbücher der Neuschreibung, im Laufe der Jahre wurde manches zurückgenommen, mehr Varianten zugelassen, die Konfusion wächst immer weiter, neuerdings stehlen sich die Kultusminister aus der Verantwortung für das von ihnen mit angerichtete Chaos, überlassen das Ganze dieser dubiosen, undemokratischen Kommission, aus der längst die besten Mitglieder unter Protest ausgeschieden sind ....
Und diesen Mist soll ich mitmachen? Eine Zeitlang paßte ich mich der neuen ß/ss-Schreibung an, wie man auf dieser Website nachlesen kann. Das nachträglich zu ändern, stünde natürlich Grundsatz Nr. 1 (der Faulheit) im Wege, also laß ich's. Und wenn jemand unbedingt meint, mir ein Manuskript in der neuen Rechtschreibung anbieten zu müssen (meist bedauernswerte Profischreiber oder weniger bedauernswerte Leute, die sich beflissen anpassen), dann laß ich's in der Regel auch dabei, korrigiere es halt, so gut es mir möglich ist (denn ich habe nur zwei dünne Heftchen mit den Grundregeln der neuen Rechtschreibung, aber keinen „neuen“ Duden – mein Haus bleibt rein), und gut ist. Ansonsten lasse ich alles so, wie es bisher war ...

So viel zu einer Frage, bei der ich bislang noch nicht angemeckert wurde – und nun zu etwas ganz anderem (oder auch nicht).

„Musik wird als störend oft empfunden
da stets sie mit Geräusch verbunden“ (oder so ähnlich)

„Die Musik auf Eurer Website nervt ohne Ende!! Baut wenigstens einen Button zum Abstellen mit ein!!!“ So brüllte mich Ende 2002 eine Dreizeilenmail an. Nun, wie man in einen Verleger hineinbrüllt, so schallt es heraus. „Den Abschaltknopf gibt es doch schon längst – schalt halt Deinen Lautsprecher ab!“ schrie ich zurück. Es folgte eine völlig entgeisterte Rückantwort des Inhalts, was mir denn einfiele, ihn zu duzen, Unverschämtheit, da sehe man mal wieder, was für eine Servicewüste Deutschland sei, und wenn man so was nicht tun wolle, solle man doch besser gar keine Dienstleistung anbieten. Auch wenn man den Lautsprecher abschalte, so habe man doch unter den unsinnig verlängerten Ladezeiten zu leiden. (Unsinn – die Seite läßt sich auch schon scrollen, wenn die Musik noch nicht geladen ist).

Zwei Jahre später kam eine etwas freundlichere Mail von einem offenbar jüngeren Menschen, der meinte, die Musik auf meiner Homepage sei ja „ziemlich peinlich“, insbesondere für jemanden wie aus der jüngeren Generation wie ihn (den Schreiber); wenn schon Musik, dann allenfalls sphärische Klänge. Die Musik sei einer der Hauptgründe, weshalb es ihm fast unangenehm sei, die Marterpage weiterzuempfehlen. (Dem antwortete ich freundlicher, nahm sogar ein Musikstück raus).

Wiederum etwas später verriet mir Rainer Liesegang, der Webmaster von www.loving-contempt.com , er habe meine Website immer schon wegen ihres leicht ironischen, nicht alles so bierernst nehmenden Untertons geschätzt – und das auch wegen der Musik! (Wegen dieses Nachsatzes war ich glücklich – sonst hatte Lob die Musik immer ausgespart ...)

Wiederum kurze Zeit später nahm ein Kunde eine fast schon abgeschickte Bestellung wieder zurück – aus Ärger, weil er sich drei Minuten lang in der „Galerie 3“ verfangen hatte. Solche Scherze zeigten, daß ich kein seriöser Geschäftsmann sei. Ach Gottchen.

Das führt uns zu der Frage, wie sehr man als „Dienstleister“ ein Real-Life-24/7-Sklave seiner Kundschaft (der angeblichen „Könige“) sein soll. Schon als Buchhändler Ende der 80er Jahre merkte ich, daß manche einen Ladenangestellten als Blitzableiter für mancherlei anderswo erlittenes Ungemach mißbrauchten. Muß man sich das gefallen lassen?

In den frühen 80er Jahren gab es – leider wie üblich zu nachtschlafender Zeit – in der ARD eine kleine Serie mit Spielfilmen aus Hongkong – eine Serie, die beweisen sollte, daß in der damals noch britischen Stadt keineswegs nur Kung-Fu-Filme gedreht wurden. – Einer dieser Filme handelte von dem entbehrungsreichen, harten Training derjenigen Kinder, die zu späteren Akteuren in der Peking-Oper bestimmt waren – und einer handelte von einem kleinen Imbißlokal. Der Chef war von der Sorte „hart, aber herzlich“, sowohl zu den Kunden als auch zu den Mitarbeitern. Wenn spätabends Feierabend war, gab er jedem seiner nach Hause aufbrechenden Mitarbeiter eine Mülltüte mit: „So, auf dem Heimweg verteilt jeder den Müll auf die Mülltonnen der Umgebung! Das spart Geld!“ In seinem Heim, umgeben von klapprigen Möbeln und zusammenbrechenden alten Schwarzweißfernsehern, mußte er sich dann von seiner Schwiegermutter entnervt anhören, sie habe ihrer Tochter ja schon immer geraten, jemand Reicheres zu heiraten .....
Einer seiner Angestellten hat schließlich die Faxen dicke, kündigt und heuerte bei einem neueröffneten amerikanischen Schnellimbiß gleich nebenan, seinem bisherigen Chef zum Tort. Doch er kam vom Regen in die Traufe: Was man ihm im neuen Ami-Imbiß an Demut gegenüber dem Kunden („Der Kunde hat immer recht!“) abverlangte, übertraf die alte erlittene Unbill im Laden seines Ex-Arbeitgebers bei weitem. Der Schluß kann nicht zweifelhaft sein: die reumütige Rückkehr .... (... und das Ganze sehr witzig geschildert!).

Friedrich Torberg näherte sich dem Sachverhalt in seinem unsterblichen Buch „Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlands in Anekdoten“ auf etwas andere Weise:

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„Die Fladentorte gehörte zu den Spezialitäten, für die das Restaurant Neugröschl im II. Wiener Gemeindebezirk berühmt war. Noch berühmter war es für die Person seines Besitzers, eines Originals von seltener Urwüchsigkeit und ebensolcher Grobheit, die an seiner vierschrötigen Gestalt nachdrückliche Stützung fand. Es war nicht gut, Herrn Neugröschl zu widersprechen oder sich sonstwie mit ihm anzulegen. Wenn ein Stammgast gelegentlich fragte (und nur ein Stammgast durfte das überhaupt riskieren): „Herr Neugröschl, was gibt's denn heute besonders Gutes?“ und wenn Herr Neugröschl antwortete: „Was auf der Karte steht“, dann tat der Stammgast am klügsten, den schroffen Bescheid hinzunehmen und nicht etwa aufzumucken, wie ein Verwegener es einmal tat: „Dazu hätte ich Sie ja nicht fragen müssen“, murrte er und empfing die prompte Replik: „Nicht? Was fragen Sie dann so blöd? Von mir aus müssen Sie gar nicht erst herkommen!“ Denn Herr Neugröschl konnte auf Gäste mühelos verzichten. Er hatte ihrer übergenug.

[Ein paar Absätze weiter:] „Das käme auch der nun folgenden Geschichte sehr zustatten, die sozusagen das Paradigma der Behandlung darstellt, die Herr Neugröschl seinen Gästen angedeihen ließ und die auf einer Umkehrung des im Gastgewerbe üblichen Leitsatzes beruhte, demzufolge der Gast immer recht hat. Bei Herrn Neugröschl hatte der Gast immer unrecht.“

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Nein, ganz so geht's natürlich auch nicht. Mit dem Ausleben meiner dominanten Triebe an meiner Kundschaft muß ich noch ein wenig warten, bis ich besser etabliert bin
J

Es ist ja auch eine Frage des Tons. Denn der Ton macht bekanntlich die Musik (womit wir wieder beim Thema wären
J); hätte man mir geschrieben: „Sehr geehrter Herr Happ, finden Sie nicht, daß die Musik auf Ihrer Website ein wenig störend ist?“ – dann hätte ich ein wenig wohlwollender darüber nachgedacht. Ja, in der Tat, auf denjenigen Teilen meiner Website, die man nur kurz besucht, oder wo man schnell hin- und herblättert, da ist die Musik wohl in der Tat nicht ganz das Wahre – zur Untermalung längerer Lektüre hingegen finde ich sie nach wie vor ideal, und deshalb bleibt sie da auch und wird sogar weiter ausgebaut J

Nachtrag 1: Besonders störe die Musik, schreiben mir manche, wenn man vom „Geschäft“ aus, wie man im Schwäbischen sagt, auf meine Seite surft – und dann mit der Musik gleich neugierige Kollegen anlockt ....
Also wenn ich so was lese, dann bin ich innerlich gespalten: Einerseits find ich's ja schön, daß es manche selbst während der Arbeitszeit vor lauter Geilheit und Neugier auf meine Seiten treibt, andererseits muß ich als Selbständiger und Arbeitgeber natürlich aufs schärfste mißbilligen ;-)

Nachtrag 2: Die Musik zu diesem Text ist „Boom boom boom“ von John Lee Hooker. Hooker pflegte zu Auftritten in einem Club regelmäßig zu spät zu kommen, bis einmal die verärgerte Managerin ihn mit dem Zeigefinger „abschoß“ und sagte: „Dafür sollte man dich erschießen! Bumm! Bumm!“ Nun, Hooker kam weiterhin zu spät, nutzte aber den Vorfall, um einen seiner schönsten Songs zu schreiben – genau wie ich die o. a. Anlässe für diesen Text genutzt habe. Wobei ich ehrlich sagen muß, daß mir wegen der Rechtschreibung noch niemand Vorwürfe gemacht hat. Mitte der 80er Jahre fiel mir einmal ein herrlicher Prospekt des Haffmans Verlags in die Hände, in dem der Verleger auch kein Blatt vor den Mund nahm: „Wir müssen uns des öfteren anhören, Taschenbücher – und besonders unsere – seien zu teuer. Damit da Ruhe ist:“ – und dann kam eine Publikumsbeschimpfung vom feinsten ... Nun ist mir natürlich klar, daß das Appetitmachen auf die Ware und die Umschmeichlung der Leute (so à la „orientalischer Teppichhändler“) natürlich auch zum Handwerk gehört, aber man muß auch mal sagen dürfen, was schon meine Mutter (Lateinlehrerin) zu monieren pflegte: „Für alles haben sie Geld, die lieben Eltern, für Restaurantbesuche, Skiurlaube, dicke Autos und Fernseher, aber wenn sie mal für ihre Sprößlinge eine Lektüre für 5 Mark anschaffen sollen, dann ist das Geschrei groß, und die Lernmittelfreiheit wird bemüht.“ Haffmans rechnete seinerzeit vor, daß von den ach so teuren Büchern gar nicht viel übrig blieb; kann ich auch: Von 15 Euro Buchpreis eines 160-Seiten-Buchs bleiben nach dem Autorenhonorar 13,50 Euro, 3,50 Euro kostet der Druck im Printing-on-Demand-Verfahren, 0,50 Euro pro Stück kostet bei 2000 Stück Auflage das Titelbild (Grafikerin/Rechte am Foto), und das Gros der Bücher geht mit 50 % Rabatt auf den Ladenpreis portofrei an Großhändler. Bleiben also 2,50 Euro pro Buch bei mir hängen – aber ich brauche alle paar Jahre neue PCs, Büromaterial, Fahrtkosten fallen an und Mehrwertsteuer – viel mehr als 1 Euro pro Buch bleibt als Reingewinn (vor Steuern) nicht. Und deswegen müssen die Bücher so teuer sein, wie sie nun mal sind.... Was Haffmans schrieb, kann ich nur unterschreiben. Auch wenn ich dadurch wieder mal in den Ruch der Arroganz komme. Aber damit fährt sich's nicht schlecht ....

Nachtrag 3:
Noch'n Zitat:
„Jetzt bloß nicht tolerant sein. Lieber die unvernünftigste Wut, die schäumendste Raserei als dieses wabblige Hinnehmen der Dinge. Was da als Toleranz und Vernunft auf dickem Hintern sitzt, ist oft der pure Zynismus. Das muß man ganz eng sehen.
Überhaupt muß man vieles ganz eng sehen, sonst wird es nicht deutlich. Lieber nervöse Flüche als diese entspannte Bejahung der Dinge, wie sie sich die deutschen Nachwuchsbosse in Intensivkursen von feisten Gurus beibringen lassen. Lieber arrogant als tolerant. Denn das meiste ist nach wie vor unerträglich.“ (Joseph von Westphalen, Warum ich mich trotzdem entrüste)

Nachtrag 4: Die FAZ ist inzwischen das Bollwerk der alten Rechtschreibung, fast täglich sind dort Leserbriefe und Artikel wider die Neuschreibung zu lesen, kaum noch für sie. Der DTV-Verleger ist gegen sie, sogar ein kleiner Schulbuchverlag versucht gegen sie zu opponieren , eine wachsende Zahl von Politikern aus allen Lagern opponiert gegen sie, aber alles ist so wachsweich – statt einfach ihre Ämter anzuweisen, auszuscheren und wieder „alt“ zu schreiben, verlegt man sich aufs Konferieren, derweil die Neuschreib-Befürworter lächelnd verkünden, egal ob Sinn oder Unsinn, der „Zug sei abgefahren“, und alles aussitzen wollen. Ich fürchte mal, in einem Land, das nicht mal die Kraft hat, die dämliche Sommerzeit wieder abzuschaffen (Was ist aus der ursprünglich avisierten Energieersparnis geworden? Gar nichts!), wird man auch diesen Unsinn nicht mehr stoppen können ..... Schade eigentlich, daß man die dringend nötigen Reformen unserer Gesellschaft ausgerechnet mit einer Reform eingeläutet hat, die überflüssig ist wie ein Kropf ....

Herzlichst

Rüdiger Happ
Marterpfahl Verlag


Nachtrag 10.8.2004

Kaum hatte ich diesen (schon vor Monaten begonnenen) Artikel fertig- und online gestellt, da meldeten SPIEGEL, Springer-Presse und Süddeutsche Zeitung am 6. August überraschend und unisono, daß auch sie die Nase voll hätten und zur bewährten Rechtschreibung zurückkehren wollten, ein Schritt, zu dem sie auch andere Verlage aufriefen, ein Schritt, dem sich auch die SCHLAGZEILEN anschlossen, die erst im Herbst 2003 zur Neuschreibung übergegangen waren:

"Nachdem nun auch nach Frankfurter Allgemeine der Spiegel und der Springer Verlag zur alten Rechtschreibung zurückgehen, werden wir dem Aufruf dieser Medien folgen und auch die ganzen komischen Verwirrungen der neuen Rechtschreibung in die Tonne treten, denn sie waren uns von jeher ein Greuel (jetzt wieder, bisher Gräuel)." (Matthias Grimme)

Damit ist die Sache hoffentlich ausgestanden, und als Hausregel des Marterpfahl Verlags gilt von nun an, daß alle neuen Texte in der bewährten Rechtschreibung erscheinen, es sei denn, der Verfasser wünscht ausdrücklich etwas anderes.

Mit frohen Grüßen Rüdiger Happ