Donnerstag, 1. August 2002

Gegen 11 Uhr Aufbruch in Nehren bei Tübingen. Wenige Kilometer nach dem Start fällt mir ein, was man vielleicht noch hätte mitnehmen können. »Bei Fahrt über die Alpen mußt du doppelte Unterwäsche anziehen – stop – Tante Tilda« läßt Kinderkrimi-Autor Nils-Olof Franzén Anfang der 60er Jahre die hausmütterliche »Tante Tilda« telegraphisch den auch bereits rund 50jährigen, von einer Balkanreise durch »Brosnien-Merzegowina«"(!) heimkehrenden dicklichen schwedischen Kleinstadt-Zeitungsredakteur Agaton Sax bevormunden. Und um wieviel mehr sind die langen Unterhosen nötig, wenn man nur auf zwei Rädern über die Alpenpässe rollen will… Ach was, die dicke Thermokombi muß halt genügen, denke ich mir. Und die Paßphotos? Ach was, die Schweizer Grenzer werden hoffentlich auch so nix zu meckern haben an meinem seit März schon abgelaufenen Reisepaß und Personalausweis. Habe extra beides mitgenommen, das wird sie hoffentlich überzeugen, daß ich ich bin, und ein provisorischer Ausweis wird nicht nötig sein… Erst beim Geldabheben zwei Tage zuvor hatte ich das bemerkt, daß die beiden Ausweise abgelaufen waren. 1992 hatte ich vor meiner ersten Baltikum-Skandinavien-Reise anfertigen lassen, und das lag jetzt halt schon über 10 Jahre zurück…

Geld abheben, das war auch deswegen nötig gewesen, weil die 23 Jahre alte Honda CB 400 N einer Inspektion bedurft hatte. 550 Euro hatte sie gekostet – das ging schon an den Zeitwert des alten Dings heran – aber egal, ein neues kostet noch viel mehr… Der Vorderreifen erwies sich als Baujahr 1988, er hatte sich deswegen schon gar nicht mehr abgenutzt, weil das Gummi schon so hart und spröde geworden war, daß gar kein Abrieb mehr stattfand – leider bedeutet das auch, daß es mich beim Bremsen hinhauen konnte. Lichtanlage gecheckt, neue Batterie, sogar der elektrische Anlasser funktionierte wieder…

…bis kurz hinter Rottweil. Komplettausfall der elektrischen Anlage, wie schon einmal im Juni. Mist. Was jetzt? Damals war nach einem bangen Tag das Licht wieder dagewesen… Und ich habe doch von diesem technischen Kram keine Ahnung, weiß nicht mal, wo die Sicherungen sind. – Vorläufig erst mal Weiterfahrt – in gedämpfter Stimmung. Auch der schöne, steile Westabhang des Schwarzwalds zum Höllental hin vermag mich heuer nicht so recht zu begeistern. Auf der B 31 ist der übliche Stau stadteinwärts nach Freiburg hinein. In grantiger Laune trinke ich an einer Tankstelle ein Bierchen aus der Dose und überdenke die Lage. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, ins Südelsaß und dort über die Dörfer und das langsam ansteigenden Hügelland und dann weiter Richtung Schweizer Jura zu fahren. Doch das kaputte Licht wird die Schweizer Grenzer noch weniger milde stimmen als die abgelaufenen Ausweise… Vielleicht sollte ich statt jenes südelsässisch-jurassischen Grenzübergangs, dessen Beamte, wie man hört, den ganzen Tag nichts zu tun haben und darum noch intensiver kontrollieren, doch lieber den belebten bei Lörrach-Basel nehmen? Außerdem gab's da, wie ich von früheren Grenzgängen wußte, 200 Meter weiter hinter den Häusern einen unbewachten, über die Grenze führenden Radweg…

Gesagt, getan. Auf der B 3 weiter nach Süden, über die Dörfer. Dicht besiedeltes Land; Markgräflerland. Mal idyllisch, mal ein wenig zu zugeklotzt. Über Basel brauen sich dunkle Wolken zusammen, das sah gar nicht gut aus. Mit dem vorletzten Tropfen Benzin noch mal auf die Autobahn, ein paar Kilometer ostwärts, und bei Lörrach wieder 'raus. Zufällig packte mich zehn Meter vor der Grenze gewaltiger Kaffeedurst, ich machte den Motor aus und trank in einer Raststätte auf der deutschen Seite hart an der Grenze einen Kaffee. Gegenüber ein Geschäft für Motorradbekleidung. Mechaniker für eine Lichtreparatur hatten die aber wohl nicht…

Ganz unverdächtig schob ich dann das Mopped ohne Zündung (und ohne Licht) bergab die zehn Meter bis zum Schweizer Zoll. Der junge Grenzer kontrollierte in seiner Bude, ob gegen mich was vorlag, erteilte dann Auskunft: »Personalausweise müssen gültig sein, Pässe können bis zu einem Jahr abgelaufen sein.« Ich lässig: »Na, da ha'm wer ja noch mal Glück gehabt!« Grenzer lachte.

Kaum hatte ich die Grenze passiert, fielen die ersten Tropfen, und ich floh unter das Dach einer nahegelegenen Tankstelle. Erst tankte ich selbst, dann beobachtete ich die anderen. Viele deutsche Kunden – das Benzin ist hier um einiges billiger als in Deutschland. Entgegen meinen Vorsätzen kaufte ich doch noch eine (sauteure) Schweizer Landkarte, denn auf den aus einem alten Autoatlas herausgerupften Seiten, die ich als Kartenmaterial mitführte, war nicht genug vom französischen Jura zu sehen, und da wollte ich langfahren.

30 Minuten später. Immer noch pladderte der Regen. Ich konsultierte meinen alten, zerfledderten Jugendherbergsführer, studierte die Aufschriften an den Häusern: »Sowiesos Second-Hand-Lädeli. Kannst auch einfach nur so reinkomme, brauchst nix kaufe, kannst auch nur gucken und einen Kaffee trinken!« (und das alles auf Schweizerdeutsch geschrieben; auf hochdeutsch kommt für Schweizer anscheinend keine Ungezwungenheit und Gemütlichkeit auf). Immer noch pladderte der Regen. Ich holte mein Notizbuch und meinen Kugelschreiber 'raus, fing eine Geschichte an, studierte wieder die Landkarte. Den Skandinaviern verlangen die Schweizer immer noch Reisepässe, wenn auch keine Visa ab *staun*.

Endlich hatte es aufgehört zu regnen, und ich fuhr (nach ca. einer Stunde) weiter. Weiter nach Basel und von dort nach Délémont (Delsberg), ein bereits im französischsprachigen Teil des Schweizer Juras gelegenes Städtchen. Kaum hatte ich Basel hinter mir gelassen und fuhr auf einer kreuzungsfreien Schnellstraße Richtung Délémont, fing es wieder an zu regnen. Sollte ich unter eine der Brücken flüchten? Aber es waren gewiß nur ein paar Tropfen… Dann kamen keine Brücken mehr, dafür immer mehr Tropfen – es wollte gar nicht mehr aufhören. Das sind so die Momente, wo man sich fragt, was das alles überhaupt soll…

Die Schnellstraße ging über in eine normale Straße. Ein Dörfchen mit für Schweizer Verhältnisse überraschend heruntergekommen Häusern. Ich flüchtete unter einen Wirtshausbalkon, zwängte mich mühsam in meine Thermokombi, und weiter ging's. Die Straße wand sich in sanften Kurven bergauf, die Gegend wurde bergiger. Ein Gebrauchtwagenhändler am Straßenrand bot einen gelben Chevrolet Camaro aus den 80er Jahren an, genau so einen, wie ihn mir vor Wochen eine nach England übersiedelnde ehemalige Schulkameradin geschenkt angeboten hatte (bei dessen Lack war allerdings das Gelb schon blasser). Leider verabsäumte ich es (sagten so nicht die Schweizer?), nach dem Preis zu schauen; wäre gewiß interessant gewesen für meine Schulkameradin. Ich wollte nur noch schleunigst weiter, das Etappenziel erreichen. Ortsnamen am Rande: »Liesberg«, »Oberrüti« – und »Niederrüti«, kaum zwei Kilometer weiter, heißt dann schon nicht mehr »Niederrüti«, sondern »Riedes Dessus«, obwohl es noch einen »Niederriedetwald« daneben gab. Ich hatte die Sprachgrenze zum Französischen überschritten, die quer durch die Schweiz läuft, den sogenannten »Röstigraben«, »la barrière du Roeschti«. Sieben Kilometer weiter erreichte ich Délémont (Delsberg, 432 m). Die Jugendherberge lag gleich am Ortsanfang und hatte eine deutschsprachige Herbergsmutter. Noch war es hell, aber ich hatte auf eine Stadtbesichtigung keine Lust mehr und bummelte nur noch 'rum: Duschen, im Aufenthaltsraum fernsehen… Draußen viel Geböller: Der 1. August ist der Schweizer Nationalfeiertag (Bundestag). Eine Schweizer Zeitung berichtete über eine spanische Stadt in Aragon, die im Bürgerkrieg zerschossen worden war und noch immer als Ruinenstadt dalag. Könnte man sich mal merken für künftige Reisen… Fernsehen und Zeitungen berichteten von einer großen Landesausstellung »Expo 02«, die ungeheuer bedeutend sei. – Dann entdeckte ich, daß beim alten Fotoapparat meiner Mutter (Agfa optima), den ich an Stelle der teuren Spiegelreflexkamera mitgenommen hatte, der Mechanismus zum Spulehochziehen (nötig zum Filmeinlegen) nicht mehr funktionierte, ich konnte keine Filme mehr einlegen. Na ja, wenigstens blieben mir dadurch häufige Fotostops und etliches an Kosten erspart… [Bilder vom Schweizer Jura gibt's darum hier auch nicht – nur einige von anderen Webseiten geklaute zum Thema »Monaco«, darunter die meisten von der hochoffiziellen Website www.monaco.mc ]

Freitag, 2. August

Immer noch funktionierte nichts Elektrisches an meiner Honda CB 400 N. Ich war sauer auf meinen Werkstattfritzen. Wo ich ihm das doch extra gesagt hatte! Na, wenigstens wird der Defekt mich nötigen, jeden Abend rechtzeitig Schluß zu machen, dachte ich. – Langsam rollte ich durch Délémont. Durch die versäumte Besichtigung am Vorabend habe ich anscheinend nicht allzu viel versäumt, die Stadt wirkte auf mich wenig anziehend, viele Wohnblocks und Gewerbe, schweizerisch sauber, aber etwas öde. (»Blödsinn«, raunzte mich hinterher der »Rittmeister« per Mail an, ein Schweizer Ponygirl- und Eisenbahnliebhaber, dessentwegen ich hauptsächlich diese Gegend bereiste; »so gibt es in Delsberg die ›Rotonde‹, einen Rundlokschuppen mit vielen Raritäten (östlich vom Bahnhof Delsberg). Da drin stehen betriebsfähige SBB-Dampfloks der Typen A 3/5, C 5/6, B ¾ und Eb 3/5 sowie Wagen und Zubehör. Das Ganze wird heute von ›SBB-Classic‹ mit Sitz in Erstfeld (Uri) verwaltet und vermarktet.«) Doch da mich diese bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten auch dann ziemlich kaltgelassen hätten, wenn ich von ihnen gewußt hätte, rollte ich langsam weiter nach Südwesten, auf der Straße Nr. 18 Richtung Saignelegier. Durch die Eisenbahnvideos, die mir der »Rittmeister« freundlicherweise hatte zukommen lassen, wußte ich ja schon Bescheid über die enorme touristische und wirtschaftliche Bedeutung der auch diesen Ort berührenden »Chemin de Fer du Jura« (Jurabahn), und er hatte mich auch darüber informiert, daß er diese Gegend zur Haltung und Zucht der Ponygirls auserkoren hatte :-) Schön sind sie ja, die »Freiberge« (»franches montagnes«), eine weite Hochebene, die in manchem an die heimatliche Schwäbische Alb erinnerte, die ja auch »Schwäbischer Jura« heißt. Wacholderweiden, offenes Land, kleine Waldstücke, Sonne und Nebel dekorativ sich abwechselnd, kleine grüne Buckel – aber alles größer und imposanter als auf der Schwäbischen Alb. Der Jura wird halt gegen Nordosten immer niedriger, der fränkische ist der niedrigste, bevor dann ganz Schluß ist…

Aber kalt war's, obwohl die Sonne wieder schien. Also wenn bei der Kälte halbnackte Ponygirls gehalten werden sollen, würde ich es denen nicht verdenken, wenn sie in den Generalstreik träten! Ich bin mir sicher, jede Ponygirl-Gewerkschaft dieser Welt würde eine Forderung nach Verlegung der Farm nach Brasilien oder so unterstützen! (Dazu der »Rittmeister«: »Grrr! Der macht meinen Roman zur Sau, noch ehe er ihn drucken liess! Wenn Du an einem kühlen Tag dort durchfährst, muss es ja nicht heißen, dass es dort immer kalt ist! Im Frühjahr, Sommer und Herbst kann es da droben recht heiss werden. Obwohl: Im Jura, am Lac de Brévine liegt der kälteste Flecken der Schweiz: Les Brassus. Da können im Winter die Temperaturen bis unter minus 40 Grad fallen!«

Immer höher führte die Straße hinauf. Bei dem Dörfchen Montfaucon erreichte sie laut Landkarte 996 Meter Höhe. Inzwischen hatte die Sonne an Kraft gewonnen. Ich trank einen Kaffee in einem Lokal. Ein deutschsprachiger Gast war begeistert von dem Aufnäher am Ärmel meiner schwarzen Lederjacke: »Ich trinke Alkohol, lese Pornos und bin tätowiert« – und übersetzte es gleich dem Wirt ins Französische. »Find ich gut, das stopft gleich allen das Maul!«

Acht Kilometer weiter westlich, bei dem Dörfchen Soubey, fließt der Fluß Doubs in einem tief eingeschnittenen, 500 Meter hohen (oder tiefen, wie man will) Tal dahin. Viele Kehren führten dort hinunter, ein herrlicher Anblick. – Dann wieder hinauf, zurück zur Hauptstraße. Fünf km weiter endlich Saignelegier und das Dorf Les Pommerats. In etlichen Kehren führt hier eine Nebenstraße hinunter zum Doubs, der hier die französische Grenze bildet. Schwätzchen mit zwei deutschen Bikern. In der Grenzkneipe saßen viele Leute, genossen die Sonne. Kurz vor der Grenze bog ich ab und fuhr auf dem Schweizer Doubs-Ufer auf einem asphaltierten Fahrweg nach Vautenaivre, einem Dörfchen, das die wunderschöne Landschaft an der Grenze zu Frankreich überschaut, das tief eingeschnittene, bewaldete Tal des Doubs, eines Flusses, der in dieser gebirgigen Landschaft mehrmals um 180 Grad die Fließrichtung wechselt. Hier irgendwo müßten sie sein, die Ponygirls aus dem Roman des »Rittmeisters«, doch selbst hier sind immer noch zu viel Leute… In Mitteleuropa ist halt keine Landschaft wirklich abgelegen genug für die ungestörte Ponygirl-Haltung :- )) Immerhin sprechen hier alle Französisch – da ist eigentlich die Gefahr, daß sie den (deutsch geschriebenen) Roman des Rittmeisters lesen, praktisch gleich null. Hm, muß noch mal über die Sache mit der Nennung der Ortsnamen nachdenken :- ))

Über Vautenaivre fuhr ich auf dem Fahrweg weiter durch den Wald bergauf, bis ich wieder in Les Pommerats auf der Höhe angekommen war. Und noch einmal 'runter ins Tal und 'rüber nach Frankreich. Auf der anderen Seite noch einmal herrliche Ausblicke auf das Tal. Dann weiter zum Provinzstädtchen Maiche.

Saloppe Häuser, größere Unordnung, alles etwas lässiger: Man war in Frankreich. Weiter ging's – das Doubstal entlang – in gemächlichem Tempo nach Südwesten. Links und rechts Berge, die Landschaft war schön, wurde aber langsam flacher und langweiliger. Ich wollte jetzt nach Süden kommen, möglichst noch bis Annecy im französischen Voralpenland südlich des Genfer Sees, möglichst ohne noch mal Schweizer Grenzern zu begegnen, also unter Umgehung von Genf.

Bis Annecy war es dann aber doch zu weit, wegen des fehlenden Lichts hatte ich mir vorgenommen, spätestens ab 18 Uhr nach einem Quartier für die Nacht zu suchen. Nahe der Schweizer Grenze (Kanton Genf) lag die Jugendherberge »Les Rousses«: Man biegt von der Hauptstraße ab und fährt vier Kilometer weit durch ein einsames Tal mit Wald, Wiesen, wenigen Häusern, Farmen. Für 10,50 Euro komme ich unter, habe sogar ein Mehrbettzimmer für mich allein, fast unterm Dach eines gemütlichen Hauses. Alles ist furchtbar ökologisch hier, ganz ungewöhnlich für Frankreich, strikte Mülltrennung, nur Biodüngung im großen JH-Garten, nur Lebensmittel aus »fairem Handel« (Plakat »Kaufen Sie Kaffee, der Sie ruhig schlafen läßt!«), überall Anweisungen zum Licht- und Wassersparen usw. usf.

Als ich meine Knochen erst mal wunderbar verschwenderisch unter der heißen Dusche ausgekocht hatte, ging ich noch ein wenig spazieren und dann früh zu Bett. Wolken zogen sich zusammen. Nachts fing der Donner an zu rollen, unheimlich laut in diesem (Mittel-)Gebirgstal. Flackernde Blitze erhellten unheimlich die Konturen der Berge. Dazwischen fast pechschwarze Finsternis, keine Straßenlampe weit und breit. Aber schön war's, so am Fenster zu stehen und zu gucken. Über die Mopped-Satteltaschen (einen überdachten Parkplatz gab's hier nicht) hatte ich zum ersten Mal die mitgelieferten Plastikhauben gestülpt, die man mit einem Gummizug um die Taschen herum zuziehen kann wie eine Duschhaube um den Kopf eines Riesenmenschen. – Vor dem Fenster rauschte es, man konnte nicht unterscheiden, war es der Bach, war es Regen…

Regen war zumindest auch dabei, denn am anderen Morgen war alles triefend naß. Auch während ich frühstückte (neben einer Gruppe geistig Behinderter), pladderte es munter weiter. »Der Herbergsvater meint, der Wetterbericht für die nächsten Tage verheißt nichts Gutes«, erzählte mir ein Schweizer Goldwing-Fahrer – und daß er bis vor kurzem noch eine Honda CB 250, ganz ähnlich meiner Maschine, gefahren habe. Na, dann ist ja auch für mich noch der soziale Aufstieg drin… ;-) (Komisch, im Februar 2001 stolperte ich in einem finsteren Torbogen der JuHe von Troyes – zünftiges altertümliches Gemäuer – auch fast über eine Honda Gold Wing, diesen Luxusdampfer des Motorradbaus. Offenbar scheint bei manchen nach der Anschaffung der Maschine das Geld für ein Hotelzimmer ausgegangen zu sein…)

Bei grauem Wetter und immer wieder mal tröpfelndem Regen fahre ich weiter südwärts. Irgendwann muß es doch wieder besser werden, verdammt noch mal! denke ich mir. Jetzt kreuze ich bald den 45. Breitengrad, da muß ich doch langsam mal in den Bereich des sommertrockenen Mittelmeerklimas kommen!

Für den Moment sah's aber noch nicht danach aus. Grau und trist blieb's, die Bergkulissen waren zwar schön, die Straßen einsam, aber kalt war's, meine Hände waren trotz Handschuhen kalt, es tröpfelte gelegentlich, und meine Stimmung hing so tief wie manche Wolken.

St. Claude: Ein Städtchen in einer tiefen Schlucht, deren sonnenbeschienene Südhänge eine ganz andere Vegetation aufweisen als die fast ewig schattigen Nordhänge, wie eine Informationstafel an einem Aussichtspunkt kundtat. – Der Tankwart der winzigen Tankstelle hatte weder g'scheites Bier noch g'scheite Landkarten, also weiter auf Nebenstraßen, 'raus aus der Schlucht in die Berge, südwärts, südwärts – drei Dutzend Kilometer weiter Bellegarde, ein französisches Städtchen südwestlich von Genf. Die Tourist-Info hatte zu, viele Tankstellen auch, selbst Supermärkte hatten keine ordentlichen Landkarten, nur Wanderkarten, der Bahnhof hatte gar nix außer einem Fahrkartenschalter und Bahngeleisen, ich kurvte herum und fand nix – mir reichte es langsam. Eigentlich hatte ich ja die »Route des Grandes Alpes« befahren wollen, eine Touristenstraße über die höchsten Pässe der französischen Hochalpen, und anschließend noch – abseits dieser Straße – den allerhöchsten Alpenpaß (Col de la Bonnette, 2800 m) und dann weiter nach Nizza. (Die höchstgelegenen Straße Europas überhaupt liegt allerdings nicht in den Alpen, sondern in der südspanischen Sierra Nevada, 3400 m. Im Februar 2001 war da wegen Wintersperre natürlich nichts zu machen, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben). – Mit defektem Licht bei schlechtem Wetter über möglicherweise in Wolken steckende Bergpässe zu fahren und dabei dann vielleicht auch noch in ungeschütztem Gelände von einem Gewitter überrascht zu werden, das schien mir jedoch keine allzu gute Idee. (Die aus meinem Heimatdorf stammenden »Motorradfreunde Nehren« hatten da mehr Glück: Auf ihrer Homepage http://www.motorradfreunde-nehren.de findet sich unter »Reiseberichte« eine recht nette Schilderung dieser Route, die ich nicht schaffte).

Was nun, was tun? Aufgeben? Heimfahren? Die Versuchung war stark. Die Alpen auf der Rhonetal-Autobahn einfach umfahren und schnell in den sonnigen Süden vorstoßen? Auch eine Möglichkeit. – Die Tourist-Info öffnete wieder nach der Mittagspause. Nein, die Wettervorhersagen für die nächsten Tage seien tatsächlich nicht gut, erst am Montag solle es schön werden. – Erst mal zu einem Bier und einem Sandwich in eine Kneipe nebenan und überlegen, wie es weitergehen sollte…

Dann Weiterfahrt. Weiter nach Süden, aber auf einer niedrigeren Route: Lac de Bourget, Chambery. (»Grosses Lokomotivdepot der französischen Staatsbahn SNCF für Mt.Cénis-Linie«, flüstert mir der »Rittmeister« ins Ohr). Mal Nebenstraßen, mal stark befahrene Hauptrouten mit vielen Touristen, sogar kurze Stücke Autobahn (bei Grenoble). Von Chambery aus auf der gebührenfreien Landstraße (parallel zur Autobahn) das Isèretal hinunter nach Grenoble. Typisch: Kaum hab ich mich zum Verzicht auf die Hochalpenroute durchgerungen, schon wird das Wetter besser… Die Sonne sticht, es ist schwülwarm. Aber die Bergspitzen sind immer noch verdächtig, wenn auch malerisch in Wolken gehüllt. Grund genug, um skeptisch zu sein. An die 3000 Meter hoch sind die Berge, die man vom Isèretal aus im Osten sieht, und sie wirken deswegen so besonders wuchtig und gewaltig, weil man sie von einem nur 250 bis 300 Meter hohen Tal aus betrachtet, wohingegen das deutsche Alpenvorland bereits 600 bis 800 Meter hoch ist und die daran anschließenden Zweieinhalbtausender nicht ganz so imposant wirken läßt. Am Hang der Bergriesen himmelhoch wirkende winzige Bergdörfer.

Grenoble: Es ist erst halb sechs, und ich hab keine Lust, hier in der großen Stadt nach der Jugendherberge zu suchen. (Das alte Phänomen: Nach einigen Tagen macht sich bei mir stets Jugendherbergsmüdigkeit bemerkbar, und die guten Sparvorsätze sind dahin). Also 'rauf auf die Autobahnumgehung, an einer Tankstelle nicht nur Benzin gefaßt, sondern auch Bierchen gezischt und britischen Touristen Auskunft gegeben – und dann gleich weiter Richtung Gap.

Ich benutzte nunmehr die »Route Napoléon«. Diese Route hatte der französische Tyrann nämlich genommen, als er 1815 frech aus seinem ersten Exil auf Elba ausbrach und in Paris noch einmal für 100 Tage die Herrschaft an sich riß. Diesen 100 Tagen haben wir es übrigens zu verdanken, daß Landau in der Pfalz heute deutsch ist. Nachdem Napoleon nämlich zum ersten Mal besiegt war, hatten sich die Herren des Wiener Kongresses noch bemüht, »zur Schonung der Gefühle der französischen Nation« eine Grenzlinie zu ziehen, die Landau bei Frankreich beließ (eine solch schonende Behandlung wäre auch uns nach den letzten Kriegen gut bekommen…). Nach Napoleons 100 Tagen war das Maß dann aber doch voll, man revidierte die Grenzziehung, und Landau, wenn auch nicht das Elsaß, kam nun wieder zu Deutschland. – Von Gap nach Grenoble, gut 100 Kilometer, brauchte man damals einen vollen Tag. »Das korsische Ungeheuer ist in Gap angekommen«, titelten damals französische Zeitungen, und einen Tag später: »Das Ungeheuer liegt in Grenoble«. Je näher Napoleon der französischen Hauptstadt kam, desto devoter wurde der Tonfall der Gazetten…

Auch heute können solche Etappen wieder zu Tagesreisen werden, nämlich wenn alles im Stau steckt. An dem konnte ich natürlich vorsichtig vorbeifahren, aber auch das dauerte seine Zeit. Inzwischen sank die Sonne, und östlich hoher Berge – wie jetzt – wurde es doch schon abendlich schattig. Ich wurde etwas nervös. Wie Vampire die Helligkeit, so fürchtete ich die Dunkelheit… Steil ging's kilometerlang bergauf, vorbei an kleinen Seen, Touristengebiet, schöne Bergkulissen. Erstaunlich viele »Auberges« und Hotels existierten aber gar nicht mehr, obwohl sie an der Straße noch als solche ausgeschildert waren. Typisch Frankreich: Da vergammelte die im Putz integrierte Reklame für längst nicht mehr existierende Produkte jahrzehntelang, ohne irgendwen zu bekümmern… In dem herrlichen Roman »Randale« von Henri-Frédéric Blanc rast eine sympathische Viererbande aufmüpfiger Berufsschüler in einem geklauten BMW aus einer südfranzösischen Großstadt 'raus, und wie unter Dauerfeuer flimmert ihnen von den in Frankreich allgegenwärtigen Werbeplakaten ein Potpourri an Werbebotschaften entgegen: »Das Bett, das Lust macht, Kinder zu machen – aber vorher erst der Griff zur Margarine – Président, ein Käse, der weiß, was er sagt…«

In einem schon 885 Meter hoch gelegenen Städtchen namens »La Mure« fand ich schließlich kurz nach 19 Uhr ein Quartier. »Gleich am Kreisverkehr« hatte es auf dem Werbeplakat vor der Stadt geheißen. Wahr! Gleich am Ortseingang fand sich das Hotel, und ich bekam ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick auf den Kreisverkehr unter mir, gewaltige Berge westlich von mir, nach links der Beginn eines typisch französischen Städtchens, graubraune, sympathisch gammlige Häuser mit schmalen, hohen Fenstern, abends alles sanft orangefarbig beleuchtet – ich konnte mich aber zu keinem Spaziergang mehr aufraffen. Im Adamskostüm ließ ich mich rückwärts aufs Bett fallen und zappte mich durch die französischen Fernsehkanäle. Werbung. Eine Grillfleisch-Produktreihe unter der Bezeichnung »Flunch« hätte bei uns unter diesem Namen wohl wenig Chancen. Tage später sah ich im italienischen Staatsfernsehen RAI eine seriöse Wissenschaftssendung namens »Superquark«. Nun ja, die Italiener denken da sicher nur an die Quarks, diese Elementarteilchen… Auch Rolls-Royce hatte einmal einsehen müssen, daß es für sein Modell »Silver Mist« in Deutschland doch besser eine andere Bezeichnung suchen sollte. Und »Pschitt« würde man eine Limonade hier in Deutschland gewiß auch nicht nennen…

Ähnlich wie hier bei mir zu Hause (Eckhaus an einer Straßeneinmündung) wurde auch an diesem Kreisverkehr der Schall so richtig schön reflektiert und nach oben geleitet, ich konnte akustisch (wenn auch nicht immer inhaltlich) alles verstehen, was jemand auf der Straße redete – und das tat oft jemand, es war schließlich Samstagnacht. Alle fünf Minuten quietschten Reifen; viele sahen den Kreisverkehr offenbar als sportliche Herausforderung an, vor allem jugendliche Individuen. Aufgebohrte, getunte Mofas und Moppeds, kreischend auf Höchsttouren gebracht; morgens um halb sechs ein dröhnend durch die Straßen gejagter GTI oder etwas ähnliches, jedenfalls Vierrädriges, dazu lautes Begleit-Gequatsche unter meinem Fenster. Merkwürdigerweise brachte mich das alles weder sonderlich in Rage, noch störte es meine Nachtruhe übermäßig.

Aber zuerst einmal 'runter in die Gaststube, wo sich die bürgerliche Gesellschaft des Städtchens versammelt hatte, und zwei Bierchen gezischt. Das zweite spendierte mir der (offenbar korsische) Wirt sogar, was einen Stammgast ganz erstaunt dreinblicken ließ. Reklame für korsisches Bier an der Wand.

Dann wieder hoch aufs Zimmer. Inzwischen war es dunkel geworden, durchaus nicht nur von der Nacht, auch von den dunklen Wolken, die sich schon wieder zusammengebraut hatten. Aufflammende Blitze ließen wieder einmal die Konturen der Berge plastisch deutlich werden, wie mit einem riesigen fotografischen Blitzgerät. Der Donner rollte hier noch viel länger, dumpfer und unheimlicher als in den Jurabergen die Nacht zuvor. Und wieder setzten Regengüsse ein, die so schnell nicht mehr aufhörten…

(»Chemin de fer de la Mure – eine Touristenbahn mit Meterspur, auf der man (auch) viele schweizerische Fahrzeuge findet«, flüstert mir der »Rittmeister« noch als Ergänzung zu diesem Ort ins Ohr)

Sonntag, 4. August

Wie gesagt, sehr ruhig war die Nacht nicht gewesen… Wahrscheinlich hatten die, die da draußen ihr Mütchen gekühlt hatten, alle in der kriegerischen »Fahrschule Jeanne d'Arc« gelernt (ein Name, der in Deutschland so auch nicht denkbar wäre, auch nicht, wenn es ein deutscher Nationalheld wäre). Der Himmel hatte wieder aufgeklart, die Sonne lachte, und dank der Plastikhäubchen waren die Satteltaschen auch vor dem Regen geschützt gewesen - die zur Reisetasche umfunktionierte neue blaue Sporttasche, kürzlich Geburtstagsgeschenk meiner Freunde Didi und Jürgen, nahm ich sowieso immer mit aufs Zimmer.

Gemächlich fuhr ich weiter südwärts, genoß es, meine Augen rechts und links schweifen zu lassen, ließ die anderen vorbeiziehen… Und Ausblicke gab's genug. Hinauf und hinunter wand sich die Nationalstraße 85, gewaltige Bergkulissen von Dreitausendern hatte man links und rechts neben sich. Enge Dorfdurchfahrten, jede zweite kleine Pension warb für sich mit Napoleons Namen, dem Namen des korsischen Scheusals…

Endlich ging's steil hinunter nach Gap, einer lebhaft-quirligen, engen Stadt im Tal. Merkwürdig, jedesmal, wenn ich anhielt, stank's so eigenartig. Nach einiger Zeit fand ich des Rätsels Lösung: Die Regenschutzhauben rund um meine Satteltaschen war vom Auspuff angekokelt worden…

Auf der südlichen Ausfallstraße von Gap hatte ich die letzte Möglichkeit, nach Südosten in die Berge abzubiegen und doch noch den 2800 Meter hohen Col de la Bonnette zu nehmen. Tankstop, Bierchen, nachdenken. Das Wetter war ja jetzt gut, schön sonnig, aber immer noch Wolken an den Bergen, und der Drang, jetzt möglichst schnell am sonnigen Mittelmeer zu stehen, überwog dann doch. Also weiter auf der N 85. Die Straße war jetzt gut ausgebaut, ich fuhr flott, zeitweise lief eine gebührenpflichtige Autobahn parallel. Das Landschaftsbild änderte sich allmählich, wurde südlicher, mediterraner. Schließlich erreichten wir jetzt ja auch die Provence. Kahle, felsige Berge, nur mit Büscheln von Gestrüpp bewachsen. 20 Kilometer südöstlich von Digne-les-Bains entschied ich mich für die Ostroute, die direkt nach Nizza führende N 202. Bergauf und bergab ging's wieder, man fährt durch die engen Schluchten des Balkans – äh, der Provence wollte ich sagen… Aber die Szenerie erinnerte schon sehr an manche Karl-May-Filme, die ja auch kostensparend irgendwo in den Mittelmeerländern, in Jugoslawien, glaub' ich, gedreht worden sein sollen: Felsige, enge Schluchten, sonnendurchglüht, nur mit dürftigem Gestrüpp bewachsen. Manchmal gähnte rechts neben mir der Abgrund, Dutzende von Metern tief, und nur niedrige Prellsteine, vielleicht 30 oder 50 cm hoch, »bewahrten« mich vor einem Absturz. Zudem wehte ein heftiger Wind, ich wußte nicht, ob das der Mistral war oder nicht, aber das alles war Grund genug, um vorsichtig zu sein. Noch ein 1124 m hoher Paß, und ich war im Tal des Var, jenes Flüßchens, das bei Nizza ins Mittelmeer mündet und lange Jahrhunderte Frankreichs Grenze war, denn die Ecke um Nizza kam erst 1860 zu Frankreich. Sprachlich sind die Mundarten dieser Gegend, soweit sie noch nicht von den jeweiligen nationalen Standardsprachen verdrängt worden sind, ohnedies Übergangsmundarten, die Züge sowohl des Italienischen als auch des Französischen aufweisen.

Erneuter Tankstopp. Heiß wurde es jetzt. Ich ließ Nierenschutz und Handschuhe in der Reisetasche verschwinden, tauschte Stiefel gegen Turnschuhe. Es würde nicht leicht sein, in der Hochsaison an der Cote d' Azur ein Zimmer zu bekommen, die Jugendherbergen von Nizza und Menton würden eh ausgebucht sein. Schnapsidee, einfach so loszufahren, dachte ich, aber jetzt war es zu spät, also Augen zu und durch! Am besten schon vorher was suchen! Die Straße wurde zur Schnellstraße, d. h. es wurde doppelt schwierig und gefährlich, zu auf der anderen Seite liegenden Hotels 'rüberzufahren. War sowieso alles ausgebucht, auch das, was öde und beschissen aussah. Etwas zu tröpfeln begann es nun auch, hörte aber zum Glück bald wieder auf. Ich war ziemlich kaputt.

Schon bald waren die Außenbezirke von Nizza erreicht. Hübsch häßlich war's hier; sozusagen der Hinterhof Nizzas. Autofriedhöfe, Gewerbegebiete, Industrieanlagen, Supermärkte – endlos weit ergossen sich diese Auswüchse der Großstadt das Vartal hinauf. Endlich passierte ich das Ortsschild »Nice«. Links ein Etap-Hotel. Schnell gedreht und an der Rezeption gefragt – wahrhaftig, sie hatten noch ein Zimmer frei! Mit 45 Euro inclusive Frühstück zwar nicht so billig, wie man das von dieser Kette gewohnt war, aber ich war ich heilfroh, daß ich untergekommen war. Soll doch der Teufel die JuHe am anderen, östlichen Stadtende holen…

Erst mal ausruhen, duschen, dösen. Dann marschierte ich zu Fuß ca. 40 Minuten lang bis zum Westende der vielleicht zwei Kilometer langen »Promenade des Anglais«, der palmenbestandenen Prachtstraße Nizzas. Meine Hoffnung, hier noch Ansichtskarten kaufen und diese dann abends im Bett beschreiben zu können, zerstob aber. Auch gescheite Restaurants fand ich hier nicht, nur einen Schnellimbiß. Nizzaer pubertierende Jugend in Nahansicht, 16jährige angeberische, balzende Jungs mit Motorrollern. Am Strand arabische Musik in Höchstlautstärke aus einem Autoradio. In einem langgestreckten Bogen zieht sich die Promenade des Anglais am Meer hin, manch alte Villa von 1900 liegt an ihr und manch häßlicher moderner Kasten. Auf dem langen Weg vom und zum Hotel sah ich ein Nizza, wie es nicht im Reiseprospekt steht. Ja, die fünf Meter hohen blütenübersäten Cereus-Kakteen und Palmen hätte ich auch gern in meinem Garten, aber sonst… Es war schmuddlig wie in Hamburg: Überall lagen alte Zeitungen, Dosen und sonstiger Müll herum, es gab Brachgelände, rostige alte Anlagen, vergammelte Schulhöfe, schrottreife, aber noch zugelassene Autos… Gegenüber dem Hotel befand sich der Glaspalast der Zeitung »Nice Matin«. Sogar eine »Verkaufsstelle für alte Zeitungen« war da angeschrieben – wer die wohl kaufen mochte?

Vom Hotelzimmer aus hätte man fast 'rüberspringen können zu den Balkonen eines querstehenden Blocks mit ganz normalen Wohnungen, auf denen die Bewohner saßen und laut redeten. Mittelmeer-Lebensart halt. Alles im Freien, alles öffentlich. Bei geschlossenem Fenster aber hält man's nicht aus, die Nacht war dermaßen schwülwarm, die Luft stand bewegungslos, so daß man kaum zum Schlafen kam. Die Tagestemperaturen an der Riviera überschreiten mit 29, 30 Grad nicht das Maß mitteleuropäischer heißer Sommertage, aber nachts gehen die Temperaturen nicht wie bei uns auf angenehme 15 Grad zurück, sondern nur auf ca. 22 Grad. Meteorologen nennen so was eine »Tropennacht«. Und genauso schlaflos fühlt sich's auch an. Wenigstens sahen die Bausünden Nizzas, in mildes, orangefarbenes Licht getaucht, gleich viel netter aus. Überhaupt ist das ein netter Trick mit dem orangenen Licht, es macht alles gemütlicher – bei weißer Beleuchtung sieht alles gleich so kalt und öde und streng aus. – Fernsehen schauen, mitgebrachtes Bier trinken. Tatsächlich fand ich beim Zappen die ARD. Talkshow, Sabine Christiansen, glaube ich. Die Debatte über die Bonusmeilen kommt einem aus der Distanz noch doofer vor. Es ist wirklich wichtig, von Zeit zu Zeit mal Abstand zu gewinnen, und zwar ganz wörtlich.

Montag, 5. August

Im Schneckentempo rollte ich die Promenade des Anglais entlang, genoß den Blick auf das Getriebe, auf moderne und alte Hotels, Villen, protzige Häuser. Die Strände waren schon am Vormittag voll. – Am Ostende der Stadt entschied ich mich für die »Corniche moyenne«, die mittelhohe Küstenstraße. Die nächsten 30 Kilometer bis zur italienischen Grenze hinter Menton fuhr ich im Mofatempo, um alles zu sehen und ja keinen schönen Ausblick zu verpassen. Drei Küstenstraßen (corniches) gibt es, eine niedrige, eine mittelhohe und eine hohe, und dazwischen noch eine Menge Verbindungsstraßen. Die meisten Mittelmeerküsten scheinen so zersiedelt zu sein. Kein Wunder, daß man die Costa Brava in Spanien »TAPFERE Küste« nennt; eine Küste muß schon SEHR tapfer sein, um so viel aufgeschmetterten Beton zu ertragen…

Langsam und mit vielen Kurven ging's kontinuierlich aufwärts, wie in Stuttgart die Weinsteige. Den Ausblick von dort über die perlenschnurartig mit Lichtern bestückten Straßen unten im Talkessel fand ich immer toll, eigentlich schöner als jetzt den Blick zurück auf Nizza. Mit so viel häßlichen Betonblocks haben die Stuttgarter ihre – allerdings steileren – Hänge nicht dekoriert; allerdings liegt vor Stuttgart auch kein weißes Kreuzfahrtschiff im tiefblauen, leicht diesigen Meer… Der Blick aufs Meer von größerer Höhe ist wirklich atemberaubend, genauso wie der in die Gärten von Luxusvillen. Den Hund auszuführen dürfte aber hier schon schwierig sein, überall Straßen, eingezäuntes Privatgelände, oder außerhalb davon nur noch viel zu steiler Fels. Es steigt ja gleich von der Küste aus mehrere 100 Meter an, die Bergspitzen waren sogar teilweise in Wolken. Die Grillen schrillten, und sie schrillten anders als hier zu Hause – vermutlich eine andere Art.

Die Corniche moyenne führte mich auf die Höhe von Èze, eines Dörfchens, das einen Ortsteil unten am Strand (Èze-plage) und einen Ortsteil auf diesem 400 Meter hohen Felsen mit herrlicher Aussichtslage hat; zum höchstgelegenen Hotel muß das Gepäck angeblich auf einem Eselsrücken transportiert werden. – Ich aber schaute mich nur relativ kurz um und fuhr weiter; auch die Wegweiser zum noch höher gelegenen La Turbie ignorierte ich, obwohl ich das eigentlich besichtigen wollte: das Tropaion Alpinum nämlich, das Siegesdenkmal, das der »Friedenskaiser« Augustus dort nach seiner Niederwerfung der Alpenstämme errichtet hatte. Als nämlich schon die ganze Mittelmeerwelt Rom untertan war, waren ausgerechnet etliche Alpenstämme noch frei und bedrohten ständig die Verbindung zwischen Italien und Gallien. Die Salasser im Aostatal ließ Augustus nach ihrer Unterwerfung einfach nach Art grausamer Assyrerkönige (oder Stalins) in eine andere Gegend des Reiches deportieren und dort ansiedeln, über die anderen Bergstämme triumphierte Augustus mit dem genannten Siegesmonument – das ich aber links liegenließ…

Um nach Monaco zu kommen, muß man im Gegenteil rechts abbiegen und wieder 'runter zum Meer; ein endloser Stau von z. T. recht edlen Automobilen hatte dasselbe Ziel… Nein, so wie 1955 in dem Film »Über den Dächern von Nizza« war es leider nicht mehr. Cary Grant spielte darin, wenn ich mich recht entsinne, den Ex-Fassadenkletterer und Juwelenräuber John Robie, dem keiner die Abkehr vom Verbrechen glaubte und der sich prompt in die amerikanische Touristin Grace Kelly verliebte – zum Entzücken von Grace Kellys Mama im Film: »Das ist doch wenigstens ein richtiger MANN und keiner von diesen Himbeerbubis, mit denen du bisher rumgemacht hast!« Grace Kelly gefiel's denn ja auch so gut, daß sie gleich blieb und 1956 Fürst Rainier von Monaco ehelichte, sehr zum Ruhme des Operettenfürstentums Monaco. Konnte man 1955 noch schwungvoll im offenen Mercedes-Cabrio über die Küstenstraßen kurven, so steht heutzutage die Blechlawine mehr, als sie fährt, und schiebt sich nur meterweise voran. Ich rollte an einer steinernen Markierung vorbei: »Principauté de Monaco« –- Fürstentum Monaco. Puh, geschafft! Gott sei Dank gibt's ja für Motorradfahrer immer ein freies Eckchen. Ich stellte die Maschine mal eben ab und trinke ein Bierchen in einer Imbißstube nahe dem »Jardin exotique«, dem exotischen Garten, der hauptsächlich Kakteen enthält und mich deshalb eigentlich interessieren sollte, den ich aber unbesichtigt ließ. Stattdessen würde ich jetzt meine Pflicht als Urlauber tun: Ansichtskarten absondern. Daß die von den modernen E-Mail-Usern verächtlich »Schneckenpost« genannte Institution aber diesmal ihrem Namen so sehr Ehre machen würde, daß ich längst vor den Ansichtskarten wieder zu Hause sein würde – trotz gemächlichen Tempos – konnte ich noch nicht ahnen…


Dornige Schönheiten. Kakteen in Monacos jardin exotique ganz im Westen des kleinen Fürstentums

Von der Restaurantterasse aus hatte man eine herrliche Aussicht auf Monaco, auf Steingebirge und blaues Meer; da aber alles ziemlich teuer war, verzog ich mich mit einem preiswerten Streifen von gleich 15 Postkarten ein paar Meter weiter, wo die Aussicht genauso schön, aber gratis war – und erledigte zügig die Schreibarbeiten. – Heiß war's, ich war froh, daß ich Schatten hatte, die schwarze Lederjacke konnte ich ja trotz 30 Grad nicht ablegen, denn wohin dann mit Dokumenten und Brieftasche, die in der Innentasche steckten? Vor der Restaurantbude fuhr ein ausländischer Reisebus nach dem anderen vor und wieder weg, mit nur wenigen Minuten Pause; einmal sogar einer mit Werbeaufschrift in baskischer Sprache. Nach anderthalb Stunden war die Pflicht erledigt, 19 Karten geschrieben, nun kam wieder die Kür. Der Stau hatte sich inzwischen aufgelöst; in engen Kurven ging's runter ans Meer. Ein Blick zurück auf den Hang erinnerte mich an Fotos von Hong Kong: Dicht an dicht standen die Häuser am steilen Hang, die mehr oder weniger gepflegten Villen aus der Zeit um 1900 wirkten fast winzig klein neben den wie Pilze aus dem Boden schießenden riesigen Appartementklötzen, in denen eine 30 Quadratmeter kleine Appartementwohnung mindestens 400.000 EUR kostete, wie ich später im Internet las… Der mit Internetadressen von Luxushotels und Immobilienfirmen gepflasterte und finanzierte Gratis-Stadtplan, den die Touristinfo am jardin exotique verteilte, dürfte eines der wenigen unentgeltlichen Dinge im Fürstentum der Reichen und Schönen sein. Den Abhang hoch nach Norden geht Monaco übergangslos in das französische Beausoleil über. Manche Straßen dort gehören noch zu Frankreich, aber die Häuser an ihrer Südseite schon zu Monaco – Verhältnisse, wie es sie auch an anderen Grenzen gelegentlich gibt, wie sie aber in Monaco dem Platzmangel geschuldet sind. So viele wollen im Steuerparadies wohnen, und so wenig Platz gibt es dort… Auch die Aufschüttungen am Meer konnten dem Platzmangel nur unwesentlich abhelfen. Obwohl ich eigentlich ein Fan solcher Grenzerkundungen und -begehungen bin, verzichtete ich bei der großen Hitze darauf, in meiner warmen Lederjacke die Treppen zwischen den Appartementblöcken hochzusteigen, um mir das mal näher anzuschauen… Ich war froh, daß ich für mein Motorrad noch ein Plätzchen fand am Postamt, das platzsparend im Untergeschoß eines großen Gebäudes untergebracht war und gottlob eine Klimaanlage besaß, und kurze Zeit später waren 19 Karten verschickt.

Einmal um den Platz am Spielcasino herumgekurvt und dann weiter durch die engen Straßen nach Osten.


Palmen, Sonne, ruinierte Existenzen: Vor dem Casino in Monte Carlo


Und so sieht's in der Totale aus: Belle epoque pur. Im Rest des Fürstentums macht sich die Belle epoque mehr und mehr rar, denn in einem Hochhausklotz kann man mehr Steuerflüchtlinge auf engster Grundfläche unterbringen als in einer geschmackvollen Belle-epoque-Villa

Öfter angehalten und den Ausblick genossen: So enges, platzsparendes Bauen hatte ich noch nie erlebt.


Steuersparer-Intensivhaltung. Das monegassische Betongebirge, von Osten gesehen ...

Dann eine Kreuzung, und auf einmal war ich wieder in Frankreich. Gleich sah alles salopper und weniger geleckt aus – und nicht weniger schön. Um Roquebrune herum viele sehr schöne Häuser und Gärten; leider war die Straße so eng, daß man selbst als Motorradfahrer kaum anhalten oder langsam fahren konnte, ohne hinten folgende Autos am Überholen zu hindern. Gewiß werden sich die Grimaldis schon oft geärgert haben, daß sie 1859 aus einer momentanen Finanznot heraus Roquebrune und Menton an Frankreich verkauft hatten… Überhaupt gehört die Ecke um Nizza, von östlichen Var-Ufer an, wie erwähnt erst seit 1860 zu Frankreich, worüber sich der aus Nizza stammende italienische Freiheitsheld Garibaldi nicht wenig ärgerte. Die Mundarten der Gegend waren von jeher Übergangsmundarten, die französische und italienische Züge in sich trugen. Rocabrune und Mentone: So hießen die östlichsten Orte früher. 1947 brachte Frankreich noch das obere Tende-Tal an sich: Es hat seinen Ausgang zum italienischen Küstenort Ventimiglia, aber der obere Teil des Tales, mit dem Rest Frankreichs nur über eine Paßstraße verbunden, kam an Frankreich. Unsinn hoch drei.

Inzwischen näherte ich mich auch schon Menton, eine ausufernde Stadt und nicht so schön wie Roquebrune. Noch ein Kilometer bis Italien. Wieder ein Etap-Hotel, aber diesmal ausgebucht. Und schon war ich über der Grenze. Die Küstenstraße gefiel mir aber nicht sonderlich – ich wendete und schlug, erneut auf französischer Seite, ein Bergsträßchen ein, das etwas weiter oberhalb über die Grenze führte und herrliche Ausblicke auf das Meer bot, Kurven, vorbei an Häusern mit schönen Gärten, und dann wieder 'runter: in das Gewimmel von Ventimiglia. Stop and Go, Stop and Go. Mehr als ein paar hundert Meter konnte man nicht fahren, ohne wieder an einer Ampel oder Verkehrsstockung halten zu müssen. Und gleich nach Ventimiglia kam Bordighera und danach San Remo. Nur wenige Augenblicke freier Landschaft lagen zwischen den quirligen, endlosen Ortschaften. So würde ich nie bis vor dem Dunkelwerden noch die Strecke bis Finale Ligure schaffen, wo die nächste Jugendherberge war. Ich würde auch endlich mal meinen Freund Alexander anrufen müssen, um mich für morgen mit ihm zu verabreden. Ziemlich abgekämpft fragte ich in San Remo im erstbesten Hotel an der Hauptstraße nach einem Zimmer, und siehe da: Sie hatten eins, mit Telefon und mit Blick auf eine Dachterrasse und auf die lärmende Hauptstraße…

Nachdem ich mir den Schweiß vom Leib geduscht hatte, versuchte ich Alexander telefonisch zu erreichen; erfolglos. Also erst mal ein Spaziergang, Bierchen in einer Bar getrunken, das Verkehrschaos auf einer Kreuzung mit ausgefallener Ampel bewundert (später kam dann eine resolute Polizistin und regelte den Verkehr), dann Richtung Strand gegangen. Schon nach 50 Metern war der Lärm der Via Aurelia, der sich an der ligurischen Küste entlangwindenden italienischen Staatsstraße 1, so gut wie verflogen, jetzt noch die Bahnlinie überquert, und ich war auf der langgestreckten Strandpromenade. Palmen, in einzelne Sektoren eingeteilte Strände, jeweils mit Umkleidekabinen, Liegestühlen, alle in Reih und Glied, Imbißbuden, Lautsprechern (»Herr Sowieso bitte zur Information!« –oder so ähnlich) – da hatte ich trotz des schönen, warmen Abends keine Lust aufs Badengehen.

Ich setzte mich auf eine Bank und schaute dem Treiben zu, holte mein Notizbuch hervor, schrieb an einer Geschichte weiter, sah zu, wie die Strände schlossen und muskulöse, braungebrannte Bademeister alles bewegliche Gut zur Nacht zusammenräumten, wie Leute auf der Strandpromenade ihre Hunde ausführten. Als es zu dämmern begann, ging ich zurück ins Hotelzimmer und erreichte nun endlich Alexander. Wir verabredeten uns für morgen. Noch ein bißchen fernsehen und dann der Versuch zu schlafen. Wieder war es drückend schwülwarm, da nützte auch das offene Fenster nichts. Nach Mitternacht hörte man das Rauschen des einige hundert Meter entfernten Meeres und gelegentlich Möwengekreisch, nur alle paar Minuten einmal fuhr scheppernd und krachend ein Lkw oder ein lautes Moped auf der Straße vorbei…

Dienstag, 6. August

Bis zum frühen Nachmittag sollte ich bei Alexander in Chiavari sein, denn so spätestens ab 17 Uhr erwartete er Gäste aus Deutschland und war dann nicht mehr in seiner Firma. Also sollte ich mich beizeiten auf den Weg machen. Als ich jedoch kurz nach acht den Frühstücksraum betrat, war ich noch der allererste, und es sei noch gar nicht alles fertig, hieß es leicht vorwurfsvoll. Also 'raus auf die Terrasse und den voll erblühten morgendlichen Berufsverkehr auf der Via Aurelia betrachtet. Ganze Horden von Motorrollern, nur daß sie heute anders aussahen als in den 80er Jahren; die klassische glatte (und meines Erachtens schönere) Vespa ist auf dem Rückzug gegenüber den zahllosen Marken »modern« designter Roller. –Vielfach werden sie von zierlichen jungen Frauen gefahren, die das allerneuste an Schutzkleidung vorführen: ärmellose Tops, alles leicht und luftig… Manche haben ihren zwei-, dreijährigen Stöpsel zwar mit Helm, aber sonst aufrecht stehend im Fußraum des Rollers bei sich, ein Kleiner stand sogar auf einem Podestchen, damit er das Kinn noch über die Lenkstange recken konnte. Helm tragen aber jetzt alle, ausnahmslos Jethelme. Von den Autofahrern sind vielleicht 40 % angegurtet, 1990 war's so gut wie keiner (ich war damals in Rom unterwegs).

Nicht nur die Sitte der Verkehrssicherheit, auch die Sitte der Frühstücksbüfetts verbreitete sich allmählich von Skandinavien her südwärts. Noch 1971 konnte Horst Janssen über ein Hotel im finnischen Rovaniemi schreiben: »Typisches Inbegriffenfrühstück«. Die Romanen und Südländer allerdings, die dem Frühstück traditionell wenig Bedeutung beimessen, können sich mit der Sitte des Frühstücksbufetts nur peu à peu und mit Verzögerung anfreunden. So wurden hier in diesem Hotel zwar Corn Flakes angeboten, aber die Milch wurde einfach vergessen, und Kaffee und Orangensaft waren sorgsam abgezählt. Pech für mich, der ich zum Frühstück immer mit trockener Kehle erscheine und viel Kühles trinken muß. – Die paar Telefonate vom Apparat im Hotelzimmer aus kosteten gleich 15 Euro, man sollte damit sehr sparsam sein.

20 nach neun saß ich wieder auf meinem Motorrad, und weiter ging's auf der Via Aurelia nach Osten, Richtung Genua. Überall wo ein Bach ins Mittelmeer mündete, fand sich ein quirliges kleines Städtchen. Dazwischen stieg die Straße an, wand sich über ins Meer vorgeschobene Felsnasen, bot herrliche Ausblicke aufs tiefblaue Meer – aber danach ging's erbarmungslos bergab ins nächste kleine Städtchen. Typisch italienische Strände: Reihenweise Sonnenschirme und Campingliegen, eng und sorgfältig ausgerichtet. Urlauber latschten über die enge Straße, Ampeln, Verkehrsstockungen, Stop and Go, viel Betrieb. Vor allem in der Gegenrichtung oft kilometerlange Blechlawinen; die armen Autofahrer mußten da stundenlang stehen. Ich weiß schon, weshalb ich meist in geräumigere, dünner besiedelte nördliche Länder in Urlaub fahre… Wenn ich in eine Stockung gerate, ist Vorbeifahren nicht so einfach; sehr eng sind die Straßen und der Gegenverkehr beängstigend nahe…

Es war Mittag. Ich passierte das Ortsschild von Genua. Auch als ich es schon lange hinter mir gelassen hatte, fand ich immer noch Wegweiser nach »Genua« und folgte ihnen. Endlich ein Schild: »La Spezia SS1« (Strada statale, Staatsstraße 1), die Fortsetzung der bisherigen Route. Ich folgte dem Wegweiser; endlos ging's an irgendwelchen alten Häusern vorbei, an Gabelungen ohne Beschilderung entschied ich mich nach Gutdünken für den bedeutender aussehenden Weg, fand endlich wieder Hinweisschilder. Mal fuhr man an gepflegten Häusern aus der Zeit um 1900 vorbei, mal an wüsten Industriebrachen, häßlichen alten Anlagen, teilweise stillgelegt. Genuas Hafen soll ja stark an Bedeutung verloren haben. Dann wieder die traditionellen Häuser der Gegend, 4- bis 7stöckige Kästen mit schmalen, hohen Fenstern und vielen (teils umlaufenden) Balkonen, auch modernere Kästen ähnlicher Bauart, die Hänge hoch hingeklotzt, so daß es wieder ein bißchen nach Hong Kong aussah, nur nicht ganz so dicht wie in Monaco, mit mehr Freiraum dazwischen.

Endlich waren die östlichen Viertel Genuas erreicht. Hier sah es ansprechender aus. Als das Ortsausgangsschild erschien, schaute ich auf den Kilometerzähler: Sage und schreibe 30 Kilometer weit hatte sich diese Stadt erstreckt! – Der nun folgende Teil der Küstenstraße war überraschend angenehm, obwohl ja auch hier berühmte Orte wie Rapallo oder Portofino lagen. Der Verkehr war gering und die Landschaft herrlich. Hoch hinauf führte die Straße, wunderschön waren die Ausblicke, gepflegt die Ortschaften. Ganz gemächlich rollte ich hinunter nach Chiavari, meinem Etappenziel. Fünf Stunden und 40 Minuten hatte ich für rund 186 km gebraucht, und Pausen hatte ich eigentlich wenig gemacht, mir nur ab und an die Beine vertreten. Es war erst drei Uhr nachmittags, ich lag locker in der Zeit.

Die Firma meines Freundes war in einem sehr schönen alten Palazzo mit Arkaden und einem prunkvollen Treppenhaus angesiedelt, ein Palazzo, in dem auch ein italienischer Spitzenpolitiker sein Büro hatte. Mein Freund sah so aus, wie man sich einen Wirtschaftsführer vorstellte: Die sockenlosen Füße in Jesuslatschen (»Richtige Schuhe hab ich fast gar keine!«), Jeans, schulterlanges Haar, 68er Ansichten… Obwohl die Firma jetzt richtig lief, wollte er etwas anderes machen: »Ich hatte mir vorgenommen, alle zehn Jahre etwas anderes zu machen.« Als ich ihn Silvester 1996 besucht hatte, ließ ein eisiger Nordwind die Temperatur auf null Grad fallen, die Wohnung für Gäste seiner Firma, in der ich untergebracht war, war kaum heizbar, der Fliesenboden kalt: Im Süden kann man mehr frieren als im Norden, denn der ist besser auf Kälte eingerichtet. Der Etagenwohnung, die er damals bewohnte, waren nur 3 Kilowatt zugeteilt – verbrauchte man mehr Strom, etwa durch elektrische Heizgeräte, flog »ploff« die Sicherung 'raus, man saß im Dunklen und mußte fünf Stockwerke 'runtergehen, um die Sicherung wieder 'reinzudrehen – ein Faktum, das meinen Freund, bei allem Verständnis für legere italienische Lebensart, maßlos erboste. Tags darauf schlug das Wetter wieder um, es wurde trüb und wieder so um die zehn Grad mild; als ich aber nach Hause fuhr, rutschten in Genua die Autos über den Schnee, und die ganze Poebene war tief verschneit… Mittlerweile hatte mein Freund sich ein Haus auf dem Lande zugelegt und erzählte mir, wie er sich offiziell als Bauer angemeldet hatte und für seine 50 Olivenbäume EU-Subventionen kassierte. Auch sonst erwies er sich als gewitzter, gut an die italienische Lebensart akklimatisierter Mensch, der sich zu helfen wußte. Er quartierte mich in einem älteren Haus mit drei Meter hohen Zimmern ein, in einer Wohnung, die für Gäste seiner Firma gedacht war, deren es jetzt gerade etwas weniger gab. Ich revanchierte mich, indem ich ihn zweimal ins Lokal einlud. Seine Lieblingskneipe hatte zwar zu und eine andere auch kein Faßbier mehr, aber mit dänischem Starkbier aus Flaschen ließ es sich ja auch ganz gut leben.

Abends ging ich nicht aus, sondern lümmelte vor dem Fernseher und lesend auf dem Bett herum. Wenn ich aus dem Fenster schaute, sah ich ein gläsernes Bürogebäude, das jetzt wie ein Reflektor wirkte: Es widerspiegelte das flackernde Wetterleuchten. Wolken waren aufgezogen, »noch die ganze Woche soll es unbeständig bleiben«, so mein Freund kopfschüttelnd, genauso kopfschüttelnd wie die deutschen Italienurlauber, die in Interviews mit dem deutschen Fernsehen ein, zwei Wochen später ihr fassungsloses Unverständnis für Unwetter bis in den tiefen Süden bekundeten, glaubte man doch Sonne pur gebucht zu haben… Wenn ich den Kopf aus dem Fenster steckte, konnte ich nirgends einen richtigen Blitz sehen, es war alles nur so ein diffuses Wetterleuchten. Es regnete sanft und kühlte angenehm ab, so daß man wenigstens gut schlafen konnte.

Mittwoch, 7. August

Am Morgen Spaziergang durch die Stadt. Es war sonnig und klar. Frühstück in Bars, Kaffee und Hörnchen. – Chiavari ist eine künstlich angelegte Stadt, die Straßen sind im Schachbrettmuster angelegt; es gibt viele Arkaden. Am späten Vormittag holte mich mein Freund ab, wir gingen im benachbarten Lavagna an den Strand, sonnten uns auf Felsen, gingen aber nicht ins Wasser. Das war nämlich erstens dreckig (undefinierbarer bräunlicher Unrat schwamm an manchen Stellen obenauf), und das Wasser war sehr aufgewühlt. Draußen auf dem Meer waren zwar keine weißen Schaumkämme zu sehen, aber an den Strand klatschen derartige Brecher, daß die wenigen Menschen, die sich überhaupt ins Wasser trauten, ganz am Rand blieben. Zu Recht – man kann von solchen Wellen leicht weggerissen und hinausgezogen werden, mein Freund konnte auch von so einem Beinahe-Unfall erzählen. Nicht nur der Atlantik, auch das vermeintlich sanfte Mittelmeer ist kein harmloser Badetümpel.

Später saßen wir in einem Lokal mit Innenhof, wo sich über den Sitzplätzen an Gerüsten Kletterpflanzen rankten. So saß man gleichzeitig draußen und doch irgendwie drinnen. Kurz nach 14 Uhr packte ich meine blaue Reisetasche wieder auf mein Motorrad und verließ Chiavari in Richtung Norden, den Apennin hinauf. Von Meereshöhe ging's zum 1083 Meter hohen Passo del Bocco. Schon bald wirkte die Landschaft nicht mehr mediterran, sondern mitteleuropäisch: Bewaldete Berge, Dörfer mit Häusern zwar im italienischen Stil, aber recht gepflegt. Wiesen und Weiden. Die kurvige Strecke war herrlich und sehr wenig befahren, die Gegend dünnbesiedelt. In Ligurien konzentriert sich die Besiedlung halt weitgehend auf die Küste. Von Bedonia ging's über Bardi hinab in die Poebene, zum Kleinstädtchen Fidenza. Ich genoß das Herumkurven auf Straßen, wo allenfalls alle fünf Minuten ein Auto kam. Und noch einmal ein ca. 850 Meter hoher Paß; in der Ferne sah man bereits die Poebene liegen, platt wie einen gigantischen Tisch. Langsam rückte sie näher. Vor mir rollte ein Auto aus dem Hof eines Landgasthofs. Extrem langsam fuhr dieser Herr und in Kurven, die durchgezogene Mittellinie ignorierend, oft auf der Ideallinie. Wahrscheinlich hatte er ein wenig zu viel getankt… Egal, ich blieb hinter ihm, genoß die Ausblicke und war froh, daß bei den unvermutet in Kurven auftauchenden Rollsplitthäufchen mein Tempo so niedrig war. Mitunter gab es sogar kleine unasphaltierte Stückchen Straße, ohne daß es eine Baustelle gewesen wäre.

Allmählich ging's runter ins Tal, die Berge traten zurück. Die Poebene war schon fast erreicht, da wurde die Straße auf einmal sehr schmal, fast nur ein drei Meter breiter asphaltierter Feldweg, und darauf war jetzt im Mofatempo ein Gefahrguttransporter unterwegs, dahinter der schlingernde Wirtshausbesucher und dahinter wiederum ich; so zockelten wir im motorisierten Gänsemarsch in die Poebene hinab. Vier Stunden hatte die etwa 140 Kilometer weite Apenninüberquerung gedauert. Schon war es 18 Uhr 15 und somit langsam Zeit, ein Quartier zu suchen und vor allem zu finden…

Fidenza: Ein Städtchen in der Poebene, Partnerstadt von Herrenberg und allem Anschein nach ebenso langweilig. – Wer heute durch die Poebene fährt, benutzt meist die Autobahn oder Bahnlinie Mailand – Bologna am Südrand der Poebene entlang; bevor es die Autobahn gab, gab es die Staatsstraße 9, und die fuhr ich jetzt ein paar Kilometer Richtung Piacenza/Mailand. Ausgerechnet die Kreuzung, an der ich nordwärts nach dem Kleinstädtchen Busseto abbiegen wollte, wurde gerade umgebaut. Ein Bauarbeiter regelte mit großen roten und grünen Kellen den Verkehr. Ich war der Vorderste in der Schlange und fragte ihn, ob ich hier nach Busseto abbiegen könnte. Nein, sagte er, ich solle bis zum nächsten Dorf fahren und dort die erste Straße nach rechts nehmen.

Im nächsten Dorf war nichts beschildert, aber ich tat, was er gesagt hatte. Über schnurgerade, aber oft sehr löchrige und wellige asphaltierte Fahrwege ging es jetzt nach Norden. Felder und Dörfchen, intensiv landwirtschaftlich genutztes Land. Während der Apennin in meinen Rückspiegeln allmählich kleiner wurde, tauchte vor mir, noch ganz schemenhaft, die imposante Kulisse der Alpen auf und nahm allmählich an Deutlichkeit zu. – Die Poebene ist wie eine intensivere Form der Oberrheinebene: Größer, breiter, das Klima ist heißer, die Berge rundherum größer.

Busseto: ein Kleinstädtchen. Weiter nach Cremona. Auf einer kilometerlangen Brücke überquerte ich kurz vor der Geigenbauerstadt den Po. Der Fluß selber wirkte nicht gewaltig, aber kilometerbreites Land voller Erlen oder ähnlichem – wahrscheinlich Überschwemmungsgebiet – deutete an, was dieser Fluß anzurichten vermochte. Nicht allzu weit flußabwärts lag die Kleinstadt Brescello, wo meines Wissens die »Don-Camillo«-Bücher und und -filme spielten, und die schilderten solche Überschwemmungsszenarien ja sehr eindringlich.

Endlich war ich in Cremona. Nach Brescia reichte es heute wohl nicht mehr, also hier ein Quartier gesucht. An der Info-Tafel am Ortseingang machte ich mir zwar noch Notizen über preiswerte Hotels, nahm dann aber doch das erstbeste (etwas teurere) gleich am Ortseingang. In einem Zimmer mit Blick auf Wohnblocks, einen Sportplatz und eine Raffinerie mit hübschen Flämmchen streckte ich alle viere von mir, duschte, zappte mich durch die Fernsehkanäle. Dann machte ich mich noch einmal zu einem Spaziergang auf. Bis zur Altstadt kam ich aber nicht, denn gleich rund um den ersten Kreisverkehr lagen mehrere Bars und Biergärten. Mochte der Himmel hier auch voller Geigen sein, so waren doch die Biergärten voller Paulaner und Einbecker…



»Keine Angst, der Verfasser lebt noch
kann aber inzwischen schon mal ne kleine
Erfrischung vertragen,
Wittlingen – Warstein – Jever – Augsburg –
Kulmbach –
Einbeck – Flensburg – Kölsch –
Was meinen Sie, was durch uns schon alles
durchgeflossen ist –
Ganze Ströme!
.......
Achtung – Achtung,
unser lyrischer Ich-Darsteller,
der Doyen der deutschen Drogenszene
betritt den hinteren Bühneneingang unauffällig
und verkündet auf dem oberbimbacher
Dorftanzboden
eine vollkommen neue Republik: ....«

Peter Rühmkorf, »Mit den Jahren, Selbst III/88«

»…muß mein unerbittliches Lob der Nüchternheit doch heftig in Frage stellen, wenn ich diese Wahnsinnszeile lese, die Rühmkorf mit Kaffee und Pampelmusensaft allein kaum hingekriegt hätte.«

Joseph von Westphalen, Essayist



Wieder in meinem Hotelzimmer knipste ich den Fernseher an. Wer brauchte noch zu zappen, wenn ein bereits fertig zusammengestelltes Programm namens »Superzap« das für einen erledigte, mit Schnipseln von Erotischem bis hin zur »Familie Munster«?

Donnerstag, der 8. August

Bei dem relativ dürftigen Frühstück blätterte ich in einem lokalen Bekanntmachungsblatt. Tatsächlich, viele kleine Betriebe machten doch tatsächlich den ganzen Juli (der dort »Luglio« heißt :-) ) und August dicht oder zumindest einen Monat komplett, nur wenige begnügten sich wie bei uns mit zwei bis drei Wochen Betriebsferien. – »Warum sind die Italiener so klein? Weil ihre Mamma ihnen gesagt hat, wenn du groß bist, mußt du arbeiten gehen« – doch noch trennten mich gut zehn Stunden von diesem boshaften Witz.

Die Staatsstraße 45 Richtung Brescia führt schnurgerade nach Norden, auf die immer größer werdenden Alpen zu. Bei Brescia schwenkt sie dann nordostwärts Richtung Trient (Trento) und bildet dabei die »Gardesana occidentale«, die berühmte Gardasee-Westroute, die auch bei Motorradtests im Fernsehen immer wieder gern gezeigt wird. Ich brauchte also eigentlich gar nichts zu tun – aber ab Brescia war für mein Empfinden die Beschilderung etwas konfus, ich fand mich erst am Südrand des Gardasees wieder, wo ich nicht hingewollt hatte, dann war ich auf einmal auf dem Weg zum »Lago d'Idro«, wo es zwar auch nach Trient ging, aber auf einer anderen, weiteren Route; ich wurde in einem langen, schlecht beleuchteten Tunnel von einem aggressiv von hinten herannahenden Bus in eine dicke, sogar mit Sperrschild abgesicherte Pfütze abgedrängt… Endlich war es geschafft: Ich war in Salo, und nun begann bis Riva di Garda jene 44 Kilometer lange, herrliche Strecke am Gardasee-Westufer, wo die felsigen Berge dicht an den See herantreten. Sobald man das Menschengewimmel der zwei, drei größeren Touristenorte hinter sich gelassen hatte, fuhr es sich angenehm. Herrliche Ausblicke auf das grüne Wasser des Sees wechselten ab mit finsteren Tunnels, die für mich Lichtlosen recht unangenehm waren. Einige waren halbwegs ordentlich beleuchtet, andere, die nahe der Außenkante des Felsens angelegt waren, erhielten Seitenlicht durch alle 50 Meter seitlich in den Fels geschlagene »Fenster«, durch die das Tageslicht einströmte, dazwischen waren allerdings lange finstere Abschnitte, die mich recht unsicher machten, denn wenn man die Fahrbahn vor sich nicht sieht… Einmal war sogar ein Tunnel völlig unbeleuchtet; beim Hereinfahren sah man noch, daß da in dem Tunnel eine Rechtskurve war, dann aber war's so finster wie ein Kohlenkeller bei Nacht, und ich wurde ganz unsicher und hielt an. Nach ein paar bangen Sekunden wurde die Finsternis wieder etwas von Autoscheinwerfern erhellt, und es konnte weitergehen… Das sind so Augenblicke, wo man sich denkt, daß man so was doch besser in Zukunft bleibenlassen sollte – man wird ja noch gebraucht… Palmen gab's hier auch wieder – in der nach Osten offenen, im Winter doch manchmal frostigen Poebene gab es die nicht…

Dann schließlich Riva di Garda, der Ort am Nordende des Sees. Weiter ging's durchs Tal der Sarca. Die Tankstellen, oft mit Bedienung, hatten leider alle eine lange Mittagspause, ähnlich wie in Chiavari. Während dieser Pause waren sie zwar als »aperto«, als »geöffnet«, gekennzeichnet, aber das Tanken funktionierte in dieser Zeit nur, indem man einen Geldschein in einen Automaten mit ausschließlich italienischer Bedienungsanleitung stopfte, dann wurde die entsprechende Menge Benzin freigegeben. Eine Geldrückgabe gab es nicht. Kleine Scheine besaß ich auch nicht mehr, und ein 50-Euro-Schein war ja viel zu viel. Schon doof, daß man mit dem Motorrad dauernd tanken muß – es gibt ja leider viel weniger Tankstellen als früher…

Nun ging's über einen niedrigen Paß und dann an Felsen entlang und durch einen langen Tunnel – vor mir ein langsamer Gefahrguttransporter, dann ich, der Unbeleuchtete – hinab nach Trient. In Trient erst mal an einer Tankstelle etwas gegessen und getrunken, bis die lange Mittagspause um 14 Uhr 30 vorbei und die Bedienung wieder bereit war, Autos zu betanken. Kurios – Laden und Imbiß waren über Mittag geöffnet, das Tanken selbst aber nur für die willigen Automatenbenutzer, die es offenbar gewöhnt waren…

Im Etschtal befand ich mich jetzt. Auf der Staatsstraße 12, parallel zur Autobahn, fuhr ich nordwärts nach Bozen. 15.05 Uhr: Nach etwa 25 Kilometern Salurn, die erste (halbwegs) deutschsprachige Gemeinde. Ich kurvte ein wenig durch den Ort, las die vielen zweisprachigen Aufschriften, Türschilder, Bekanntmachungen… »Salurnisierung« ist für alle »deutschbewußten« Südtiroler das Schreckgespenst: das Aufweichen der rein deutschsprachigen Dörfer hin zu einer halb italienischsprachigen Bevölkerung – wie in Salurn eben.

Weiter nach Norden. Von Bozen weiter nach Meran, auf einer vierspurig ausgebauten, aber kostenlosen Straße. Dann wieder zweispurig weiter das Etschtal hinauf in nordwestlicher Richtung. Immer enger wurde das Tal, immer imposanter die Berge; links das über 3900 Meter hohe vergletscherte Ortler-Massiv mit der 2757 Meter hohen Stilfserjoch-Straße. Gewaltig aber auch der (vornehmlich touristische) Verkehr, der sich durch dieses enge Alpental zwängte… Dann schließlich der Ort Schluderns, schon fast 1000 Meter hoch. Hier mußte ich mich entscheiden: Nach links ins schweizerische Münstertal und dort gleich in die Jugendherberge oder noch weiter über Ofenpaß und Flüelapaß nach Davos und dort in die JuHe… Aber es war schon recht spät, schon 18 Uhr durch, auf schweizerische Grenzer hatte ich eigentlich keine Lust, also beschloß ich, weiter geradeaus zu fahren, nordwärts nach Österreich (Nordtirol).

Ich hielt an, vertauschte die Turnschuhe wieder mit den Stiefeln und pellte mich wieder in meine dicke Thermokombi. Bei zirpenden Grillen, Sonnenschein und Wärme wirkte es lächerlich und schweißtreibend, aber das änderte sich bald. Der Reschenpaß ist nur 1500 Meter hoch, man erreicht noch nicht einmal die Baumgrenze, aber der Wind war kalt, und grau zuziehen tat sich's eh schon wieder. Ich aß eine Kleinigkeit im Lokal auf der Paßhöhe und konsultierte die Karte. Ich war jetzt entschlossen, über Landeck – Arlbergpaß – Bodensee heimzufahren, und nach 14 Kilometern sollte es in Richtung Landeck eine Jugendherberge geben, in Pfunds. Aber schon im ersten Nordtiroler Dorf Nauders, 1400 Meter hoch, verlockte mich das Schild »Zimmer frei« zum Bleiben – so viel teurer war's auch nicht, und ich konnte mich endlich hinhauen. Im Fernsehen immer noch Katastrophennachrichten von endlosen Regenfluten. Auch bis hinunter nach Rom, in Ligurien, in Barcelona und auf Mallorca sollte es, so hörte ich später zu Hause, heftige Regenfälle gegeben haben. Später, so gegen 10, ging ich noch einmal 'runter in die Gaststube, wo ein Alleinunterhalter Potpourris, Zoten und Witze wie den bereits angeführten von sich gab. Warum nicht – mit ein paar Kalauern schläft's sich noch mal so gut…

Freitag, 9. August

Am Morgen wallten und waberten die Nebel wildromantisch durch die Bergkulissen; alles glänzte regennaß – und ich hatte die halbkaputten Plastikhäubchen nicht um die Satteltaschen gespannt. Groß war der Schaden allerdings nicht, alles war nur wenig feucht. Wieder zwängte ich mich in meine Thermokombi. – Jetzt hatte ich doch keine Lust mehr, den Umweg über Tirol zu nehmen, ich bog ab Richtung Schweiz, Richtung Engadin, Graubünden. Bergabführende regennasse Serpentinen, erdverschmiert von Bauarbeiten; trotzdem überholten mich flott ein paar schweizer Kradler. Die Grenzkontrolle in die Schweiz ging nach kurzer Abfrage, ob gegen mich etwas vorlag, in Ordnung. Kleinen Kaffee im schweizer Grenzlokal getrunken, erleichtert. Ich betrachtete die zweisprachigen rätoromanisch/deutschen Inschriften, warf einen Blick in die romanische »Gazetta romontscha«". Dann zügige Fahrt das Inntal hinauf Richtung St. Moritz. Eine »Posta sveglia« (Alte Post), ein urgemütliches Häuschen, bot preiswerte Übernachtung zu 15,- Sfr, mit Frühstück zu 25,- Sfr.. Imposante Bergkulissen, romantisch halb vernebelt. Nichts stört hier den Naturgenuß, keine Industrie, keine Tankstellen… Es schien hier zehnmal so viel Übernachtungsmöglichkeiten wie Tankstellen zu geben. Nun, die Übernachtungsmöglichkeiten braucht man ja auch, wenn das Benzin alle ist… Ich wurde schon ganz nervös, aber gerade in Susch, wo der Weg zum Flüelapaß abzweigt, fand ich endlich eine Tankstelle. Ja, hier gebe es tatsächlich wenig Möglichkeiten zum Tanken, gibt mir der Tankwart recht.

Dann ging's rauf auf den fast 2400 Meter hohen Flüelapaß. Obwohl von unten alles so nebelwallend aussah, war es oben zwar düstergrau, aber klar. Ein paar winzige 3-PS-Roller kamen mir entgegen, und auch Fahrradfahrer quälten sich in der beißenden Kälte in kurzen Leggins ab. Wenn das mal keinen Muskelriß gab… Im Lokal auf der Paßhöhe war gerade ein großer Pulk Oldtimer-Kradler eingefallen. Uralte Harleys mit Handschaltung (?), Maschinen aus den 30er Jahren, die angeschoben werden mußten und hinten nur ein Katzenauge hatten (und aus dem mächtigen Scheinwerfer kam auch kein Licht), Fishtail-Auspüffe… Auch ein Messerschmitt-Kabinenroller fehlte nicht. Ich fuhr abwärts in wohnlichere Gefilde, nach Davos. Dann rechts (nach Norden) abbiegen und über einen weiteren kleinen Paß ins Prättigau. Klosters ist das erste Dorf, und 42 Kilometer weiter erreichte ich bei Landquart den Rhein. Wenige Kilometer weiter flußabwärts bildet der Rhein eine Zeitlang die schweizerisch-liechtensteinische Grenze, noch weiter unten die österreichisch-schweizerische Grenze. Das ist vielen nicht so recht bewußt, daß auch die Österreicher, zumindest die Voralberger, Rheinanlieger sind. Vom Rest Österreichs durch den Arlbergpaß getrennt und dem Bodensee zugewandt, sprechen die Voralberger als einzige Österreicher alemannisch und nicht bayrisch-österreichisch wie der ganze Rest des Alpenlandes. Konsequenterweise wollten sie sich, im Gegensatz zu den anderen Provinzen, 1919 denn auch nicht Deutschland anschließen, sondern der Schweiz. Doch daraus wurde nichts.

In Landquart nahm ich die Straße nach Vaduz. Sie sei »für Wohnanhänger nicht geeignet« hieß es auf der Generalkarte; aber das lag wohl weniger daran, daß sie stark anstiege (tut sie nicht), sondern daran, daß sich die Straße sehr eng und schmal durch Wohnviertel windet, vorbei an hübsch bemalten alten Häusern mit Balkonen. »Handlung« hieß es wortkarg in einer alten Wandinschrift, ohne nähere Spezifizierung, und ein noch aktuelles Wirtshausschild versprach altmodisch »gute Küche und reelle Weine«. Vorbei an Wäldchen und über Wiesen, ansteigendes Gelände. »Luzisteig« heißt diese Straße. Sogar quer durch eine Militäranlage geht die Straße, mit zwei engen, einspurigen Torbögen. Dann geht's ein wenig bergab, und an der Straße stehen zwei Fahnenmasten: »Fürstentum Liechtenstein«. Es war 13 Uhr 15.

Gut 20 Kilometer lang ist das Ländchen und bis zu 10 Kilometer breit. Ich fuhr langsam, damit es größer wirkte…:-) Immerhin ist das Ländchen groß genug, um nicht so mondän zu wirken wie Monte Carlo: Es gab noch jede Menge bescheiden-dörflich-bäuerlich wirkende Häuser. Nur Lokale mit Aufschriften wie »Tabledance« störten das Gesamtbild ein wenig… Rechts (östlich) des Rheintals ragten Zweieinhalbtausender steil auf, Bergdörfer lagen hoch droben, Bergdörfer, die man nur auf Straßen mit 15 bis 24 % Steigung erreichen kann.

Bald hatte ich Vaduz erreicht, die Haupstadt, und mit Blick auf die ganz unkleinstädtisch mächtige Hauptpost mit ihrer »Postwertzeichenstelle« aß ich ein Erdbeertörtchen. Der Blick auf des Fürsten Haus, hoch oben auf dem Berg, war halb verdeckt. Eine Lokalzeitung mit dem bombastischen Namen »Liechtensteiner Vaterland« brachte als Aufmacher einen Bericht »Internationale Briefmarkenausstellung eröffnet«. Kleine Bähnchen fuhren, wie in Monaco, die Touristen herum. Sogar eine richtige Liechtensteinische Nationalbibliographie gibt es, ich hielt sie einmal in den Händen, und während die luxemburgische immerhin noch den Umfang eines Telefonbuchs hatte, war die Liechtensteinische nur noch ein dünnes Heftchen… Den jüngsten Ministerpräsidenten der Welt hatte Liechtenstein vor einigen Jahren laut Guinness-Buch der Rekorde, 28 Jahre jung und schon mit einer Halbglatze…

Ich fuhr weiter nach Norden. Schaan, Nandeln, und ein paar Kilometer weiter war um halb drei die österreichische Grenze erreicht. Also noch einmal Kontrolle, denn seit 1921 ist Liechtenstein mit der Schweiz in einer Zoll- und Währungsunion verbunden. Deswegen konnte ich die Schweizer Grenzer auch nach den Einfuhrbestimmungen für Bücher fragen, für die Lesung in Zürich am 20. September… Problematisch wurde diese enge Verbindung zwischen beiden Ländern in den letzten Jahren, als die Liechtensteiner dem EWR, dem Europäischen Wirtschaftsraum, beitraten, die Schweiz aber nicht. Auch der UNO trat das Fürstentum früher bei als die Schweiz.

Gleich hinter der Grenze erreichte ich das österreichische Feldkirch. Ich wählte die gebührenfreie Straße Nr. 190 nach Dornbirn und Bregenz. Breit war das Rheintal hier schon und zugleich das Hauptsiedlungsgebiet Vorarlbergs. Supermärkte, Ampeln, Kreisverkehre. Als ich schwungvoll aus einem Kreisverkehr herausbeschleunigen wollte, blockierte der Ganghebel. Ich kann machen, was ich will, ich komme nicht mehr aus dem ersten Gang heraus! Zehn Minuten lang fuhr ich im ersten Gang bei Tempo 45, dann konnte ich endlich wieder hochschalten. Jetzt fuhr ich im dritten oder vierten Gang (von insgesamt sechs), und ich traute mich nicht mehr herunterzuschalten. Die nachmittägliche Rush Hour in Dornbirn und Bregenz geriet zur Zerreißprobe für meine Nerven und für die Kupplung. Jedesmal mußte ich mit viel Gas und schleifender Kupplung anfahren. Es fing an zu regnen.

Bregenz. Ich erkannte die Stadt von früheren Ausflügen wieder, war aber nicht in der Stimmung, mich darüber zu freuen. Endlich ein Bach, eine Brücke: »Bundesrepublik Deutschland«. Noch ein paar Kreuzungen, dann war ich endlich auf der B 31 und konnte kreuzungsfrei nach Westen fahren, erst in Friedrichshafen gab's wieder Stop and Go und Ampelstaus. Es gelang mir herunterzuschalten, und ich tankte. Dann wieder weiter nach Westen auf der B 31, mit Tempo 50. Überlingen. Abbiegen nach Norden. Auf der einsamen Straße nach Pfullendorf mußte ich bestimmt nicht anhalten, da konnte ich im vierten Gang fahren, mit Tempo 70, 80. Aber finstere Wolken brauten sich zusammen, und bald pladderte der Regen. Dicke Tropfen klatschten schmerzhaft auf mein Gesicht und auch auf meine Augen, denn ich hatte bei dem langsamen Tempo der letzten Stunde die Schutzbrille nicht mehr aufgesetzt, und jetzt war es zu spät. Die Tropfen wurden weicher, aber ich sah fast nichts mehr, mußte also doch vor Wegweisern anhalten, denn in Pfullendorf und Krauchenwies muß man ja abbiegen… Autofahrer blinkten mich an, weil ich ohne Licht fuhr.

Sigmaringen. Der Regen hörte auf. Aber nicht für lange. Mägerkingen – abbiegen nach Mössingen. Wieder pladderte es abscheulich.
Mössingen, Freibad, Nehrener Hof – und endlich wieder daheim. Es war 18 Uhr 45. Drei Tage lang wird es kaum noch aufhören zu regnen.



Nachtrag: Das Getriebe der Honda CB 400 N erwies sich leider als irreparabel. Schließlich bekam ich nicht einmal mehr den ersten Gang 'rein, der Motor lief nur noch im Leerlauf. Mühsam schob ich das Motorrad bergauf ins Nachbardorf Mössingen, wo mir ein Motorradmechaniker erklärte, zur Diagnose und Reparatur müsse man das Getriebe zerlegen – das war das Aus für die 1979 gebaute Maschine, denn das hätte sich nie und nimmer gelohnt bei einem Restwert von rund 1000 Mark… Schade, denn der Motor war noch vollkommen in Ordnung und hatte nur rund 43.000 km auf dem Tacho… Wenige Wochen später erwarb ich eine Yamaha Virago, Bj. 1990…