| Peitschenmuseum | Reportagen |
Besucht: das deutsche Peitschenmuseum
Es ist doch immer wieder dasselbe: Die Sehenswürdigkeiten
der eigenen Umgebung besichtigt man zu allerletzt und so konnte ich mich
erst jetzt dazu aufraffen, dem Peitschenmuseum in dem Albdörfchen Killer
einen Besuch abzustatten. Das Gästebuch verrät, wie seltsam vor allem
englischsprachige Besucher der Name »Killer« berührt; natürlich
hat er nichts mit dem englischen Verb »to kill« zu tun, sondern ist
eine Verballhornung der mittelalterlichen Form des Namens »Kirchweiler«.
Dicht an dicht hängen in einem der drei Räume verschiedenartigste
Peitschen an der Wand, gestiftet von Besuchern aus aller Welt; schließlich
ist das Peitschenmuseum einzigartig nicht nur in Deutschland, sondern weltweit,
wie eine gerahmte Urkunde des »Guinness Book of Records« ausdrücklich
bestätigt.
Natürlich sollte man, wenn man dieses Museum betritt,
bei dem Wort Peitsche mehr an widerborstiges Vieh denken als an Erotik oder
gezüchtigte Menschen, denn fast alle jener 5- bis 6000 Peitschen, die noch
in der Zwischenkriegszeit täglich von jenem winzigen, mittlerweile stillgelegten
Bahnhof in alle Welt verschickt wurden, der jetzt das Museum beherbergt, waren
Vieh- und Pferdepeitschen und -gerten. Im vollmotorisierten Zeitalter fällt
es etwas schwer sich vorzustellen, wie unerläßlich diese Motivationshilfen
einst waren, wollte man Arbeiten zu Ende führen oder sein Reiseziel beizeiten
erreichen. Fast industriell wurde die Peitschenherstellung in den 20er und 30er
Jahren betrieben, mit eigens hierfür angebotenen, elektrisch betriebenen
größeren Maschinen - ein letzter Höhepunkt vor dem endgültigen
Ende des Pferde- und Peitschenzeitalters. Noch um 1935 war »Peitschenmacher«
ein anerkannter Ausbildungsberuf; der letzte einschlägige Betrieb am Ort
schloß erst 1976 seine Pforten.
Nicht alle selbständig arbeitenden Peitschenmacher
konnten sich jedoch die teuren Maschinen leisten; oft reichte es nur für
ein paar Handwerkzeuge, mit denen man dann z. B. eine Dornpeitsche anfertigen
konnte. Auf dem langen hölzernen Griff sind bei dieser Art Peitsche lauter
kleine Höcker herausgearbeitet, die nach dem schwungvollen Hieb dafür
sorgen, daß sich der zwei Meter lange Lederschlag von selbst wieder um
den Stiel wickelt und auch dort bleibt. Mit solch einer Peitsche kann man nicht
nur die vordersten Tiere z. B. eines Sechsspänners erreichen, man kann
damit auch in Luft ein knallendes Geräusch erzeugen: Die am Ende des Lederschlags
angebrachte Treibschnur bewegt sich dann nämlich für Sekundenbruchteile
schneller als der Schall - ein Phänomen, das vor ein, zwei Jahren einen
Physiker dermaßen faszinierte, daß er auf einem ansonsten eher Fragen
der Atomphysik gewidmeten Fachkongreß durch ein Referat mit dem Thema
»Die Physik des Peitschenknalls« hervorstach (der Deutschlandfunk
berichtete darüber
)
Erlenholz war es, wenn ich mich recht an die Worte des Führers,
Enkel eines Peitschenmachers, erinnere, das konisch gehobelt wegen
seiner großen Elastizität am häufigsten zur Peitschenherstellung
verwendet wurde, doch schon vor rund 200 Jahren entdeckten die 1748 erstmals
erwähnten »Geißelmacher«, daß auch das auf den damaligen
Ostasienseglern auf der Rückreise als Ballast verwendete, mit Wasser vollgesogene
schwere »Manilarohr« Besseres verdient hatte, als bei der Ankunft
in Hamburg fortgeworfen zu werden. Bald wurde es zu einem weiteren beliebten
»Rohstoff« der Peitschenherstellung. Hierbei ist es nun keineswegs
immer so, daß nur das Äußere des Stockes so abgeschält
wird, daß eine konische Form entsteht, nein, oft geht man ganz anders
vor: Eine spezielle Maschine vierteilt das Rohr in Längsrichtung; anschließend
wird der weiche Kern entnommen und durch eine dünne Stahlrute (bei heutigen
Fernost-Billigpeitschen oft auch nur noch Polyester) ersetzt und später
noch umflochten so entsteht ein »Hartrohr« von höchster
Biegsamkeit und Elastizität.
Wer beim Besuch des Peitschenmuseums keine Erotik erwartet,
sondern ein Heimatmuseum, das die Geschichte eines Erwerbszweiges dokumentiert,
der ähnlich wie im Schwarzwald die Kuckucksuhren den nicht
gerade verwöhnten Bewohnern eines kargen Landstrichs zu einem zweiten wirtschaftlichen
Standbein verhalf, der wird nicht enttäuscht werden und vielleicht
kann er (oder sie) noch eine preisgünstige, qualitativ hochwertige Gerte
als praktisches Souvenir mit nach Hause nehmen. Wie ich.
(Das Deutsche Peitschenmuseum erreicht man von Stuttgart
aus, indem man ab der Autobahnabfahrt Stuttgart-Degerloch auf der B 27 über
Tübingen nach Hechingen fährt und dort dann auf die B 32 nach Gammertingen/Sigmaringen
abbiegt, von da ist es nicht mehr weit bis Burladingen-Killer; soweit ich mich
erinnere, hatte das Peitschenmuseum zuletzt an jedem ersten Sonntagnachmittag
eines jeden Monats geöffnet, für Gruppen ab 8 Personen gibts
auch schon mal ne Sonderführung. Infos gibts bei dem 1. Vorsitzenden
des örtlichen Heimatvereins (Tel. 07477/1325, Fax 07477/8014) - und denkt
bitte daran, daß es sich um keine SM-Institution handelt
)
Rüdiger
(18.9.1997)
Nachtrag 2002:
Damals, 1997, kaufte ich Deutschen Peitschenmuseum noch eine sehr ordentliche,
biegsame Gerte mit Stahlkern; der Enkel eines der letzten Peitschenmacher entschuldigte
sich noch wortreich dafür, daß er einen so hohen Preis nehmen müsse
30,- DM!
Am 5. Mai 2001 besuchte ich mit einem devoten TS die allmonatliche
SM-Party im Fetomaniac und am Sonntagmorgen danach das Peitschenmuseum, das
jetzt jeden ersten Sonntag im Monat geöffnet war. Am Eingang konnte man
sich einen Walkman mit einer gesprochenen Museumsführung darauf leihen,
sogar auf Wunsch auch auf englisch, soweit ich mich erinnere. Bei Bedarf finden
aber natürlich immer noch Führungen mit menschlichem Führer statt
;-).
Die Exponate waren immer noch so sehenswert wie vier Jahre
zuvor, und statt einer Gerte zu 30,- DM wurde jetzt eine solche zu 90,- DM angeboten
die aber jeden Pfennig wert war. Meine Begleiterin war begeistert und
bedauerte, daß ihr Reisebudget diese Anschaffung nicht erlaubte. Auch
ich verzichtete auf den Erwerb dieses extrem langen und »schwippigen«
Teils, das reichlich Übung verlangen würde, damit das Ende nicht irgendwo
landete, wo es nichts zu suchen hatte
Mit leuchtenden Augen erklärte
uns ein Betreuer des Museums, ein »Reitsportverein« in Berlin könne
gar nicht genug von diesen tollen Gerten bekommen, er wünsche weit mehr,
als er in seiner Freizeit herstellen könne
So so ....
Im Vorraum tranken gemütliche, rundliche Schwaben gesetzteren
Alters ihren Frühschoppen und machten in unserem Beisein die eine oder
andere Bemerkung: »Wenn du zum Manne gehst, vergiß die Peitsche nicht!
Dr Nietzsche isch jo heitzutag iberholt, im Zeitalter der Emannzibazio
«
Offenbar wußte man dort recht genau über einen gewissen Teil der
Museumsbesucher-Klientel Bescheid und störte sich nicht groß daran
10.5.2002
Die auf diesem sonntagmorgendlichen Ausflug gemachten Fotos werden später
einmal hier eingestellt.