| Talkshow - alles nur getürckt | Reportagen |
No
sex before marriage alles getürckt
Wenn
einer in 'ne Talkshow geht, dann kann er was erzählen
Ich war zu der Ehre gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Für
eine Folge der Talkshow Andreas Türck auf Pro 7 war das Thema
Sex vor der Ehe geplant. Es sollten Vertreter der heute üblichen
liberalen Sicht der Dinge ebenso zu Wort kommen wie gläubige Christen und
Muslimas, die begreiflicherweise eine andere Auffassung hatten. Um das doch
eher ernste Thema am Schluss noch ein wenig aufzulockern, sollte jemand etwas
über Keuschheitsgürtel erzählen, die historischen und die heutigen.
Die Chefin der renommierten Keuschheitsgürtelschmiede Neosteel wollte aber
nicht vor der Kamera auftreten, nicht zuletzt da sie in einer doch recht spießig-normalbürgerlichen
dörflichen Umgebung im Westerwald lebt; außerdem hielt sie sich für
nicht eloquent genug. Also wandte sie sich an mich. Ich hatte sie nämlich
kurz zuvor für ein geplantes Buch über Keuschheitsgürtel interviewt.
Ich möchte auch mal ins Fernsehen kommen! Mit leuchtenden Augen
wurde dieser Satz meistens geäußert, damals in den 70er Jahren, als
es nur die drei öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle gab. Der Sendeplatz
war damals begrenzt; um ins Fernsehen zu kommen, musste man schon etwas Besonderes
sein, man musste gewissen Qualitätsansprüchen genügen. Mit der
Inflation der Privatsender und der zu füllenden Sendezeit (am besten mit
Talkshows, die sind am billigsten) fiel das weg. Es beschleunigte sich, was
der scharfzüngige und intelligente Journalist Johannes Gross einmal als
Entwicklungstendenz des Fernsehens bezeichnet hatte: Die Entwicklung des
Fernsehens verläuft in drei Phasen. Phase eins: Intelligente machen Fernsehen
für Intelligente. Phase zwei: Intelligente machen Fernsehen für Dumme.
Phase drei: Dumme machen Fernsehen für Dumme. Gegenwärtig befinden
wir uns im Übergangsstadium zwischen Phase zwei und Phase drei. Das
war Mitte der 80er Jahre, als die ersten Privatsender auf der Bildfläche
erschienen. Mit dem verbliebenen Rest von Intelligenz können wir uns jetzt
vielleicht gerade noch ausrechnen, wie es 15 Jahre später um unsere Bildschirmkultur
bestellt ist.

Was hat die hier zu suchen? Nichts - außer dass sie genauso falsch
ist wie die Talkshows der Privatsender. Aber sie erfreut das Auge des Lesers
und lockert eine Bleiwüste auf.
Ins
Fernsehen kommen aus dem Privileg von einst ist ein Jedermannsrecht
geworden, trivialisiert, banalisiert, inflationiert. Fast jeder kann irgendwo
mitschwätzen bei den zahllosen Themen, die sich das vieldutzendkanalige
nachmittägliche Gelaber aus den Fingern saugt, um wieder mal ein bisschen
Sendezeit zu füllen. Wer unbedingt ins Fernsehen, will, schafft es in der
Regel auch. Und wie so oft bei einst heißersehnten Dingen: Geraten sie
in Reichweite, werden sie auf einmal uninteressant. Oder sogar fragwürdig.
Jemand wie ich, der erst seit Frühjahr 1999 eine Satellitenschüssel
besaß und die Welt der Nachmittagstalkshows aus Zeitmangel und Desinteresse
auch danach kaum zur Kenntnis nahm, wirkt da fast wie ein Dinosaurier. Was ich
über diese Talkshows gehört und in Feuilletons gelesen hatte, war
im Urteil negativ und kulturkritisch gewesen. Soll ich mir das antun? Fragte
ich mich. Soll ich mir so eine Talkshow im Privatfernsehen antun, wo die Zuschauer
im Studio idiotisch johlende Teenies sind, die sich bei Darlegungen, die in
die Nähe von Fetischismus und Sadomasochismus geraten, vermutlich vor Lachen
biegen? Soll ich mich so vorführen lassen? Manche öffentlich-rechtlichen
Talkshows waren schon schlimm genug Folge einer marktbedingten gnadenlosen
Nivellierung nach unten. Ein mir persönlich bekannter SMer hatte in Jürgen
von der Lippes Wat is? ganz ernsthaft die Vorzüge und Merkmale
des von ihm entwickelten neuartigen High-Tech-Keuschheitsgürtels erläutert,
während das Publikum sich vor Lachen bog; andere hatten es abgelehnt, sich
vom flapsig-wurstigen J. v. d. L. auf diese Art und Weise vorführen zu
lassen. Was soll man schon von einer Sendung halten, bei der ein Gast schon
selbst von sich sagt. Ich hab ´nen Knall, wie die meisten, die hier auftreten.
Und was für ein Publikum im Saal und draußen vor den Fernsehgeräten
kann man bei solch einer Sendung erwarten?
Die Privaten stellte ich mir noch schlimmer vor, hatte die Klagen
diverser SMer noch im Ohr, die schon seit Jahren meinten, SM werde bei solchen
Sendungen immer nur vorgeführt, nur sensationslüstern präsentiert,
ernsthafte Information über unseren Lebensstil sei nicht möglich.
Ich fragte verschiedene Bekannte, ob ich's machen sollte oder nicht.
Manche rieten ab, andere zu. Ich hatte auch Bedenken, ob meine noch recht lückenhaften
Kenntnisse überhaupt ausreichten; die zuständige Redakteurin von Pro
7, mit der ich mittlerweile im Mailaustausch stand, ermutigte mich natürlich
und wies gleichzeitig darauf hin, dass die Entscheidung bald fallen müsse.
Ein Trick, um die Leute zur Teilnahme zu motivieren (wie etwa zum Kauf eines
Kleidungsstücks? Das ist unser letztes Stück!), oder ernstgemeint?
Hinterher erfuhr ich, dass es sogar Selbsterfahrungsgruppen und Bücher
talkshowgeschädigter Leute gibt hinterher, wie üblich. Selbst
wenn ich es vorher gewusst hätte, ich hätte mir die Bücher in
den wenigen Tagen, die bis zur Entscheidung blieben, unmöglich beschaffen
und auch lesen können. Die Redakteurin gab sich am Telefon verständnisvoll:
Ja, ich verstehe Deine Bedenken, es hat in der Vergangenheit einige ziemlich
krawallmäßige Sendungen von ´Andreas Türck´ gegeben, aber seit
einiger Zeit bemühen wir uns, von dieser Schiene wegzukommen und seriöser
zu werden. Ich: Ich muss die Sendung vorher wenigstens einmal
gesehen haben, bevor ich mich entscheiden kann. Für mehr reichte
auch die Zeit nicht spätestens übermorgen musste ich zu- oder
absagen. Die Andreas-Türck-Folge am folgenden Tag, einem Dienstag,
handelte von dem Thema Ich muss bald sterben (oder so ähnlich),
ich bin todgeweiht hätten früher die Gladiatoren gesagt
... Ich wunderte mich zwar darüber, dass da eine todkranke Mutter mit ihrer
Tochter auftrat und vor einem Millionenpublikum über ihre tödliche
Krankheit sprach, ich hätte das nicht gemacht aber gut, vielleicht
hatte sie das Bedürfnis, ihr Herz einmal öffentlich auszuschütten,
und die Behandlung des Themas war relativ ernsthaft, ruhig und würdevoll.
Na, wenn es so läuft, kann ich eine Teilnahme vor mir selbst verantworten,
dachte ich. Wenn ich nur nicht zum Hanswurst werde. Warum auch nicht? Eine interessante
Erfahrung ist es allemal.
Redakteurin S. fiel ein Stein vom Herzen, als ich anderntags beim Sender anrief
und meine Teilnahme zusagte. Gott sei Dank, dass wir gestern keine von
diesen Krawall-Sendungen gehabt haben. Du kannst davon ausgehen, dass auch das
Thema `Sex vor der Ehe in dieser würdigen, ruhigen Weise behandelt werden
wird. Ich bin ja so froh, dass du dich dazu entschlossen hast, teilzunehmen.
Ich glaube, dass gerade deine Teilnahme die Sendung abrunden und zu wichtigen
Erkenntnissen beitragen wird .... Sätze, die so oder ähnlich
alle Teilnehmer zu hören bekamen.
Zwei Tage später kam ein dicker Umschlag: Der Vertrag. SOFORT unterschrieben
zurückschicken! stand darauf. Wie soll ich denn dann all das Kleingedruckte
lesen? Fragte ich mich. Na egal, ist ja nur eine Formalie den Wilhelm
drunter und ab die Post, noch am selben Tag. ICE-Fahrkarten, Hotelreservierung
und Fahrplan waren auch dabei, einschließlich eines Zeitplans, nach dem
das Ganze ablaufen sollte. 200 Mark Honorar sollte es auch noch geben. Am Telefon
erzählte mir Redakteurin S., wer alles an der Talkshow teilnehmen sollte:
Ein Priester, eine Frau, die sehr katholisch erzogen worden war, jetzt aber
viel liberaler dachte und sogar einmal einen Priester verführt hatte, mehrere
keusche junge Christen beiderlei Geschlechts und ebensolche junge Muslimas,
eine Frau, die einst sehr unter den Brutalitäten ihres Ex-Ehemanns zu leiden
gehabt hatte und zeitweise sogar Prostituierte war, ein Schwuler, dem Treue
viel bedeutete, ein junger türkischer Draufgänger und Eroberer, der
durch die Discos tigerte und die jungen Schönen gleich reihenweise flachlegte
und und und .... Mir wurde genau gesagt, wer von diesen Leuten im Publikum sitzen
würde und wer unter den Gästen, kurz, es machte alles einen äußerst
durchdachten Eindruck. Wie durchdacht, das merkten wir Gäste erst hinterher,
denn alles sagte man uns vorher nicht ....
Zum ersten Mal mit dem so hochgelobten und schrecklich teuren ICE fahren, und
das ohne es selbst bezahlen zu müssen! Na wenigstens für diese Erfahrung
war die Teilnahme an der Talkshow gut. Ruhig und fast erschütterungsfrei
raste der Zug über die in den 80er Jahren neugebaute Strecke Stuttgart
Mannheim, im Gegensatz zu den alten Bahnstrecken weit entfernt von den
meisten Ortschaften und Tälern. Warum besuchen Sie täglich den
Eiffelturm? wurde einst ein Gegner dieses Bauwerks gefragt. Weil
das Eiffelturmrestaurant der einzige Ort in Paris ist, von dem aus man den Turm
nicht sehen kann Genauso ist es bei der ICE-Trasse Würzburg-Hannover:
Von außen betrachtet ein brutaler Einschnitt in die Landschaft, vom Zug
aus betrachtet eine schöne Aussicht. Ich vertiefte mich in die mitgenommenen
Texte zur Geschichte des Keuschheitsgürtels und ahnte nicht, dass bereits
zwei weitere Talkgäste mit mir im Zug saßen, einer sogar schon seit
Reutlingen in dem Eilzug, der mich von Tübingen nach Stuttgart gebracht
hatte, eine andere seit Stuttgart. Wie hätte ich auch ahnen können,
dass die im selben Zug sitzen, wo ihnen bewusst Sitzplätze weit entfernt
in irgendwelchen anderen Waggons reserviert worden waren. Am Telefon hatte man
mir alles Mögliche erzählt, nur nicht, aus welcher Ecke des Landes
die anderen Teilnehmer kamen. Ich hatte auch nicht danach gefragt wäre
ja schon ein sonderbarer Zufall gewesen, wenn man die Reise zusammen hätte
erleben können.
Fulda. Hier stiegen einige fromme junge Christen aus Erfurt in den Zug, der
auch sie nach Hamburg ins Haus des großen, grausamen Gelabers bringen
sollte. Auch sie hatten Sitzplätze, die weit entfernt von denen aller anderen
Talkgäste waren.
Endlich kamen wir am frühen Nachmittag mit einer Viertelstunde Verspätung
in Hamburg an. Ab ins Hotel, das direkt gegenüber dem Bahnhof lag, etwas
gedöst, noch einmal frischgemacht und in die Unterlagen geschaut, dann
wurde es auch schon allmählich Zeit, sich in die Hotelhalle zu begeben,
wo wir von einem Kleinbus des Senders abgeholt werden sollten.
Ruhig, ruhig! Ermahnte ich mich. Noch sind zwanzig Minuten Zeit. Ich sitze in
der Lobby. Die Frau da drüben nimmt bestimmt auch an der Talkshow teil.
Ich frage diskret sie verneint nur stumm. Dafür werde ich jetzt
von einem jungen, großen Mann angesprochen, südländischer Typ;
es ist jener Türke, unter dessen Konterfei später die Worte Ladykiller
eingeblendet werden sollten. Der Partylöwe. Häschenjäger.
Die männliche Schlampe. (im Zuge der Emanzipation sollte man das so nennen
dürfen, warum sollen nur Frauen Schlampen sein und Männer immer Eroberer?).
Verblüfft erfahre ich, dass er aus Reutlingen ist, er ist ebenso verblüfft,
dass ich aus der Gegend von Tübingen stamme.
Allmählich kommen noch ein paar Leute in die Lobby. Es geht los. Wir werden
in den Kleinbus verfrachtet; die Fahrt geht in den Norden Hamburgs, ziemlich
weit. Ein vor mir sitzender junger Mann fragt mich respektvoll: Ich darf
doch du sagen? Bist du der Pastor? Ich deute lachend auf meine Piercings
und frage, ob ich so aussähe? Kurz erläutere ich meine Rolle bei dem
Ganzen. Lauter Ahs und Ohs. Man hatte die anderen über mich informiert,
genauso wie ich über die anderen informiert worden war. Vielleicht lag's
an dem Tweedjacket, das ich zu einem rosa Hemd und einer schwarzen Lederhose
anhatte. Nichts Weißes und nichts Kleinkariertes solle man
anhaben, hatte es im Brief mit den Instruktionen geheißen, das könne
die Kamera nicht richtig erfassen. Die Keuschheitsgürtel, die ich vorzeigen
sollte, warteten (hoffentlich) wie geplant im Sendegebäude auf mich, den
kleinen, fiesen KTB, ein Onanierverhinderungsgerät aus finsterster viktorianischer
Zeit, eine abschließbare Penismanschette mit Innendornen, hatte ich in
der Jackettasche bei mir.
Wir werden ins Sendegebäude geführt. Drei Andreas-Türck-Talkshows
werden hier an einem Drehtag abgedreht, eine nach der anderen. Der große
Meister und Herr allen Geredes wohnt gar nicht in Hamburg selbst, auch nicht
in der Umgebung, er residiert hier nur in einem Hotel, und nach den wenigen
und anstrengenden Drehtagen verschwindet er sofort nach Hause. Und dieses Zuhause
liegt in Wiesbaden. Ein befreundeter Autor aus der Wiesbadener Gegend hatte
mir kurz zuvor erzählt, einer seiner Freunde sei mit A. T. in dieselbe
Schulklasse gegangen. Schon damals habe A. T. das große Wort geführt
und sei dann später ohne Abitur von der Schule abgegangen, was er heute
aber gern verschweige. Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin des Senders sagte
mir später unter vier Augen unumwunden, nach seinen Informationen müsse
A. T. schon in jungen Jahren ein ziemlich arrogantes A... loch gewesen sein,
kurz: genau die Art von Persönlichkeit, die sich zu einem späteren
Talkshowmaster eignet.
Was sind das eigentlich immer für Leute, die als Zuschauer in den Fernsehstudios
rumsitzen? Das hatte ich mich früher oft gefragt und tue es auch jetzt
noch. Die Sendung kann noch so dämlich sein, immer sind die Zuschauerränge
voll besetzt, gelacht und geklatscht wird bei den anspruchslosesten Witzen (sofern
das Gelächter nicht gerade vom Band kommt), und beim Erscheinen eines neuen
Gastes johlen die zumeist jugendlichen Zuschauer im Studio, als erscheine der
Papst oder der amerikanische Präsident höchstpersönlich. Wie
erfrischend wäre es doch mal, wenn im Publikum die gähnend leeren
Stühle des Desinteresses zu sehen wären - oder gar in den Reihen der
Gäste. Talkshow eingestellt wegen mangelnder Bereitschaft der Gäste,
daran teilzunehmen, eingegangen wie eine Topfprimel, die man nicht gießt
das wäre eine hübsche Schlagzeile. Aber dazu sind die Leute
immer noch zu ruhmessüchtig und publicitygeil, trotzdem es kaum noch was
Besonderes ist, im Fernsehen zu erscheinen. Wir selbst gehörten ja auch
zu den Dummen wie dumm wir waren, ging uns erst hinterher auf
Und
es finden sich halt immer wieder Leute, die es noch nicht wissen
Drei Talkshows an einem Tag. Das Saalpublikum wird durch Reklame in Hamburg
geworben, erfahre ich; so also verhindert man leere Plätze im Publikum.
Und durch einen niedrigen Eintrittspreis von 10,- DM. Nach der Show wird das
Saalpublikum aus dem Gebäude gekehrt, wie im Kino, wenn die Frühvorstellung
zu Ende ist und es ein wenig eilt mit dem Programm. Und dann herein mit den
nächsten lüsternen Zuschauern! Die mittlere Vorstellung,
das würden wir sein, und eine Spätvorstellung würde es auch noch
geben: Ich war Mitglied einer Gang und bereue es. Yeah.
Im Gänsemarsch geht es durch das Gebäude. So, du und du und
du in Gästeraum eins, du und du und du in Gästeraum zwei!
Nein, man darf sich den Gästeraum nicht aussuchen, man muss in dem Gästeraum
auf den Auftritt warten, der einem zugewiesen wird. Ich finde mich mit der männlichen
Schlampe in einem Raum wieder und mit einer Dame, die wahrscheinlich unter
den Andreas-Türck-Leuten nur unter dem Label Priesterverführerin
gehandelt wird wen interessiert's schon, was sie sonst noch so denkt
Im Gästeraum läuft auf einem Monitor die Show, die jetzt gerade aufgezeichnet
wird: Hilfe, meine Freundin nützt mich nur aus! Die Gäste
im Teenie-Alter streiten sich um im Grunde nichtige und alltägliche Dinge:
dass ein Mädchen ihre Freundin ausnützt und überhaupt nicht mehr
zu sprechen ist, seitdem sie einen neuen Freund hat die Teenies giften
sich an, später erfahren wir, dass sie vor der Show so richtig aufgeheizt
wurden, den Konflikt künstlich zuzuspitzen nein besser: pointiert
zuzuspitzen:-) , denn sonst schlafen die Zuschauer ja ein vor Langeweile,
die Quote sinkt, und Werbeeinnahmen gehen flöten. Nein, nein, ein bisschen
Krawall muss schon sein
Unsere Gästebetreuerin heißt Eva ausgesprochen Ääwwa,
richtig finnisch eben, denn aus Finnland stammt sie. Ich spreche von den meiner
Liebe zu Skandinavien, sie fragt mich, wo überall in Finnland ich schon
war, ich erwähne den wunderschönen Film Zugvögel
einmal nach Inari, dessen Held Hannes Weber mit einem im Zug kennengelernten
Bekannten in der Bahnhofskneipe von Seinäjoki ein Bierchen trinkt
in derselben Ortschaft, in der Hannes auch im Zug kennengelernte Freundin Sirpa
einen Rosengarten haben möchte, genau wie einst ihre Oma ... Ich bin sehr
überrascht, als sich herausstellt, dass auch unsere Eva oder wenigstens
ihre Mutter aus Seinäjoki stammt die Welt ist ein Dorf. Eva scheint
allerdings an den neuesten Musik- und Medientrends mehr interessiert zu sein
als an Rosen. Eine weitere, dickliche Mitarbeiterin namens Daniela aus
Nürtingen! bespricht mit uns noch dies und das, noch einmal dürfen
wir etwas unterschreiben, und es gibt auch kleine Häppchen zu essen und
etwas zu trinken.
Einer nach dem anderen von uns wird jetzt in die Maske gebeten und wenig später
verkabelt aber wir werden auch noch auf eine andere Art und Weise ins
Gebet genommen. Ein Mitarbeiter bespricht mit mir noch einmal die Fragen,
die schon vor Tagen telefonisch durchgekaut worden waren. Wie das denn nun war
mit den mittelalterlichen Keuschheitsgürteln, und wer so was heute trägt,
was es sonst noch so gibt auf dem Gebiete der Keuschhaltung, und was ich persönlich
von Sex vor der Ehe halte. Nette, sachliche und interessante Fragen. Die Antworten
hatte ich schon vor Tagen am Telefon gegeben, im Zug noch einmal überdacht,
und jetzt wurden sie noch einmal durchgesprochen. Dann musste ich nach unten
in den Gang vor dem eigentlichen Talkshowraum gehen; ich hatte nämlich
vor Tagen schon am Telefon versprochen, einen Trailer mit mir machen zu lassen.
Vor dem ersten Werbeblock wird ein solcher Trailer abgespielt, der dem Publikum
Appetit auf den Rest der Sendung machen soll. Ich soll einen der zwei von Neosteel
als Anschauungsmaterial gelieferten Keuschheitsgürtel und meinen fiesen
kleinen KTB hoch- und in die Kamera halten und dann bedeutungsvoll und unheilschwanger
sagen: Wenn man mit dem Sex noch warten will, gibt es viele Mittel und
Wege
! Beim dritten Mal klappt's endlich, die Aufnahme ist im Kasten.
Auch meine Gefährten im Warteraum zwei werden noch einmal ins Gebet
genommen, aber anders als ich. Der Ladykiller später:
Mir wurde gesagt, dass die fromme 18jährige Türkin Nilgün
die Talkshow eröffnen werde. Ich solle sie sofort frontal angreifen, aktiv
die Führung des Gesprächs an mich nehmen, niemanden mehr zu Wort kommen
lassen, auch A. T. nicht, der höre sich nur selber gerne reden. Sag dieser
Nilgün ganz direkt: Wenn ich meinen Charme spielen lasse, dann machst du
auch für mich die Beine breit! Der junge Reutlinger weigerte sich,
das so derb und drastisch zu sagen. In solchen Fällen wurden meine Gefährten
auch schon einmal an das Kleingedruckte erinnert: Du hast einen Vertrag
unterschrieben, der verpflichtet dich, die Dienstleistung in der von Schwartzkopff
TV (die Produktionsfirma) gewünschten Weise zu erbringen, und wenn du dich
weigerst, können wir dich ganz schön in Schwierigkeiten bringen
usw.
Die Dame in meinem Warteraum wurde ebenfalls ermahnt, die Gesprächsführung
an sich zu reißen, und vor allem eins war der Betreuerin (nicht Eva) wichtig:
Wir wollen hören, dass du einen Priester verführt hast
das ist ganz wichtig, das musst du unbedingt sagen. Regi (so hieß
sie) entsetzt: Aber so brutal kann ich das doch nicht sagen! Die
Betreuerin fuhr sie an: Soll ich dir jetzt noch Schauspielunterricht geben
oder wie!? Dann mit einem Blick auf die Uhr: Keine Zeit mehr
dein Auftritt kommt!
Mit den im Warteraum 1 Wartenden passierte nichts dergleichen die dort
ihres Auftritts harrenden frommen und keuschen Menschen ahnten nicht, dass sie
zur Rolle des Opferlamms auserkoren waren, auf das sich alle anderen stürzen
sollten, um es zerreissen und schlachten
Da mein Auftritt erst ganz am Schluss kommen sollte, konnte ich mir den Großteil
der Show noch im Aufenthaltsraum am Monitor ansehen. Wie alle Neulinge fand
ich mich mies aussehend auf dem Trailer; die schon anwesenden Gäste der
nächsten Show Ich war Mitglied einer Gang ... brüllten
vor Lachen. Einer dieser Gangmitglieder war schon einmal auf einer anderen Talkshow
und prahlte damit, dass er noch in andere Talkshows gehen wolle. Es gibt sie
also, die Talkshow-Touristen, die von einer Show zur anderen ziehen, manche
sogar mit getürkten Geschichten eine gerechte Rache für all
das, was die Sender ihren Gästen antun, eine Rache, gegen die sie sich
vergeblich mit Was Du erzählst, muss der Wahrheit entsprechen-Floskeln
in den Verträgen abzusichern versuchen. Vor Beginn der Show erschien der
große Meister A. T. sogar in unserem Warteraum, um sich nach unserem Befinden
zu erkunden. Ich musste erst zwei Mal hinschauen, um zu glauben, dass er's wirklich
war, zu sehr ähnelte er dem türkischen Begleiter eines der Gäste.
Auch er schien von meinem Anblick irritiert zu sein: Ich hab dich doch
schon mal irgendwo gesehen, für Personen habe ich ein gutes Gedächtnis
warst du wirklich auf noch keiner anderen Talkshow? Ich:
Aber nein! Ehrenwort! Wie Helmut Kohl! Er: Ja eben
wie Helmut Kohl! und verschwand wieder. Ich weiß gar
nicht, was die Leute haben. Kohl hat sein Ehrenwort gehalten. Skandalös
war und ist nur, dass er es über Recht und Gesetz stellte.
A. T. sollte überhaupt nicht gut drauf sein diesen Abend angeblich
saß er zwischen zwei Folgen vor seiner Garderobe und spielte mit einem
Freund Gitarre. Und was bedeutete das für uns Gäste? Würde er
uns noch mehr durch den Wolf drehen?
Vor der eigentlichen Sendung hatte es im Studio noch eine Tonprobe gegeben.
Jeder hatte voll verkabelt einige Sätze von sich geben müssen
nur über das Thema der Sendung durfte nicht gesprochen werden. Ich wurde
deswegen gerüffelt und sofort unterbrochen; andere auch. Angeblich bestand
der Zweck darin, dass die Teilnehmer ihr Pulver nicht schon vor der Sendung
verschießen sollten.
Endlich, die Zeit war schon ziemlich weit vorangeschritten, begab ich mich in
die Warteposition. Vorsichtig hier kann man uns sehen
und hören! Geduckt wie bei einem Partisanenangriff schlichen an den
zu niedrigen Seitendekorationen vorbei. Immer noch einmal ließen sich
die Redaktionsmitglieder den fiesen kleinen KTB zeigen, jenes mit nach innen gerichteten
Stacheln ausgestattete verschließbare viktorianische Instrument, das vor
100 Jahren unschuldige Knäblein am Wichsen hindern sollte, auf dass sie
ihre Unschuld bewahrten
Oooh, ist das gemein!!! sagte eine
Pro 7-Mitarbeiterin in einer Mischung aus Faszination und Schaudern beim Anblick
des Dings das kleine Folterinstrument war offenbar interessanter als
die großen Keuschheitsgürtel
Was labern die denn da so endlos? fragte ich mich leicht genervt
angesichts der vom Studio herübertönenden wüst ausgeuferten Debatte;
allmählich wurde die Zeit für mich knapp.
Endlich fand A. T. den Dreh zum Mittelalter und zu den Keuschheitsgürteln.
Das war mein Stichwort. Nein, ich riss nicht vor Aufregung in der falschen Richtung
am Türgriff aber ich redete ganz schönes Blech, das merkte
ich erst kürzlich, als ich mir die Aufzeichnung noch einmal ansah. Gab
es Keuschheitsgürtel damals auch für Männer fragte A. T.,
und ich antwortete im Brustton der Überzeugung Ja natürlich,
ausschließlich für Männer! sollte natürlich
heißen: ausschließlich für Frauen (damals) ...... Das schien
aber keinem aufzufallen, auch meinen Freunden beim Videoabend einige Zeit später
nicht. Die Zeit war inzwischen äußerst knapp geworden, von
der vorgeplanten Gesprächsführung, auf die ich mich so sorgfältig
vorbereitet hatte, blieb kaum etwas übrig. Ein, zwei Fragen zu alten und
neuen Keuschheitsgürteln und in welchen Kreisen man sie heute einsetzt
die Worte Fetischisten und Erziehungsspiele waren
erlaubt, SM aber wegen des Jugendschutzes in dieser Nachmittagssendung
nicht und schon beendete A. T. mit der Bemerkung Das sind die Schlösser!
die Sendung, und ich blickte etwas verwirrt um mich: War's das etwa schon? Ja,
war es. Etwas verdattert begab ich mich mit den anderen zur Auszahlung des Honorars,
wir tauschten erste kopfschüttelnde Bemerkungen über das Geschehene,
und wenig später saßen wir wieder in dem Kleinbus, der uns ins Hotel
brachte. Sollen wir uns nachher noch treffen und gemeinsam in der Stadt
was essen? fragte einer von uns auf dem Hotelkorridor. Na klar.
Eine halbe Stunde später zogen wir los: Der fromme junge Christ, der nicht
als angegessener Keks in die Ehe gehen wollte und von einem Fragesteller
aus dem Publikum ungeniert als Waschtüte bezeichnet wurde,
der bloß keine Frau ins Bett kriegen könne, seine verheiratete ältere
Schwester, der Ladykiller und ich. Wir mussten ziemlich weit laufen,
bis wir ein gemütliches italienisches Restaurant trafen. Wir waren uns
über alles Trennende hinweg rasch darüber einig, verschaukelt und
manipuliert worden zu sein. Die wirklich interessanten Fragen über das
Liebesleben, SM und vieles mehr wurden erst jetzt erörtert. Die
Priesterverführerin saß derweil mit der Schriftstellerin
an der Bar des Hotels.
Kalt war es, als wir wieder zum Hotel zurückgingen, zu kalt für mich,
der ich nur mein Jacket dabeihatte und keinen Mantel. Von fern sahen wir den
Hotelturm, in dem Andreas Türck nächtigte. Den sollten wir jetzt
herausholen und ihn uns mal so richtig vorknöpfen, am besten übers
Knie legen, schlug ich unter dem Gelächter der Anwesenden vor.
Auch bei unserer Rückfahrt hatten wir wieder Platzreservierungen, die weit
auseinander lagen; diesmal ignorierten wir sie einfach. Auch einige von der
Folge Ich war ein Gangmitglied .... waren bei uns im Abteil. Erst
jetzt las ich das Kleingedruckte in unserem Vertrag; eigentlich dürfte
ich so was wie diese Website hier gar nicht veröffentlichen. Eigentlich.
Doch ich glaube, all die Leute, die ihre Talkshowerfahrungen in Buchform verarbeitet
hatten, durften das bestimmt auch nicht und taten es trotzdem .....
Und wieder eine Rückfahrt mit dem ICE; einen schönen Blick auf die
Landschaft hat man von den neuen Trassen aus eben weil sie sie brutal
zerschneiden, weit entfernt von den alten. Nach und nach verabschiedeten sich
die einzelnen Mit-Talkgäste in Fulda, in Karlsruhe, in Stuttgart.
Auf der Hinfahrt war schon die Abfahrt aus Tübingen verspätet gewesen
man hatte auf einen Anschlusszug aus Horb warten müssen, und zwischen
Hannover und Hamburg musste der Zug wegen eines Defekts umgeleitet werden, mit
dem Resultat einer 15minütigen Verspätung und verpasster Anschlüsse.
Auf der Rückfahrt ging bis kurz vor Reutlingen alles glatt dann
zog einer die Notbremse, und endlos lange stand der Zug still. Manche Fahrgäste
reagierten gelassen, andere pampig. Endlich ging es doch weiter. Minuten später
verabschiedete ich mich von dem Ladykiller und war eine Viertelstunde
später selber im Zielbahnhof, in Tübingen.
Wochen später entspannte ich mich mit Freunden in der Stuttgarter Fetisch-Disco
Climax. Sich am üppigen Büfett gütlich tun und so
richtig abtanzen das tut gut
. Aber was war das? Ich erstarrte.
Deutlich zu verstehen krächzte nein: dröhnte der Sänger
mit vielen hundert Watt und einer knarrenden Stimme: No sex before marriage!
Vorgestern,
Freitag, traf ich mich mit Regi, meiner Mit-Talkgästin und
Priesterverführerin, in einer Eisdiele in Leonberg; sie zeigte
mir ihre Notizen, die sie sich über die Talkshow gemacht hatte und die
sie sicher auch noch auf ihrer Website einstellen wird. Manches davon hatte
ich schon halb vergessen, anderes als der letzte Gast schon halb
vergessen: Dass sie vor der Sendung ermuntert worden war, der keuschen
Nilgün sofort ins Wort zu fallen und sie sofort frontal zu attackieren,
wusste ich noch; dass Animateure in den Werbepausen das Publikum animierten
und agitierten (wie die Kommunisten gesagt hätten), hatte ich nicht persönlich
mitbekommen. Als Regi als zweite Talkgästin nach Nilgün
auf einem der Stühle Platz nahm, versuchte sie sich instruktionsgemäß
zu echauffieren: Also was ich da gehört habe, hat mich aufgeregt
und ganz betroffen gemacht! fuhr sie weisungsgemäß die arme
18jährige Türkin an. Andreas Türck daraufhin: Und was Regi
so aufgeregt hat, hören wir uns nach der ersten Werbepause an! Regi
dachte sich: Was soll das, da nehme ich mächtig Anlauf, und er lässt
den ganzen Schwung so verpuffen? Später stellte sich heraus, dass die ganze
Sendung stark geschnitten wurde Antworten wurden Fragen beigesellt, zu
denen sie niemals gehört hatten, alles wurde umgebaut, und das alles natürlich
zu dem Zweck, alles immer noch mehr zuzuspitzen, so zuzuspitzen, wie es in der
realen Gesprächsrunde in Wahrheit niemals gewesen war. Regi war viel zu
früh in Warteposition neben dem Talkshowraum und konnte mitbekommen,
wie das Publikum aufgeheizt und instruiert wurde: Du bist der Werner,
und du wirst diese oder jene Frage stellen; Regi wurde dem Publikum als
sexbesessene Priesterverführerin angekündigt. Später
versuchte die verantwortliche Redakteurin dann noch per E-Mail gut Wetter zu
machen. Sie sei wirklich überrascht, dass gerade diese Folge so eine Krawall-Folge
gewesen sei, und wir sollten doch nicht betrübt sein, das sei eine bedauerliche
Entgleisung usw. wahrscheinlich ebenso eine abgekartete Sache, wie einem
vorher Honig ums Maul geschmiert wird, damit jeder glaubt, mit ihm steige und
falle das Niveau der Sendung. Ich sagte ihr ganz sine ira et studio, ich würde
mir wünschen, dass sie, die Redakteurin, vor laufenden Kameras einmal so
lange übers Knie gelegt würde, bis sie unter Tränen die ganzen
Manipulationsstrategien eingesteht. Da war sie beleidigt und meinte, es könne
nun mal nicht jeder (wie ich) sein Hobby zum Beruf machen .....
Im großen und ganzen habe ich Glück gehabt, mein Beitrag war klein
und ziemlich sachlich, wesentlich übler dran waren die anderen Teilnehmer,
die manipuliert oder aufgehetzt waren oder als Opferlämmer
nichtsahnend ins Messer liefen ..... Regi, die in Leonberg viele Bekannte hat,
wurde nach der Ausstrahlung am 10. März 2000 dauernd darauf angesprochen,
ich nie. Außer von denjenigen, die ich bewusst auf die Sendung aufmerksam
machte.
Mein
Gott, habe ich ein Blech geredet in der Show ... Das wurde mir klar, als ich
kürzlich das Video von der Talkshow noch einmal ansah, um Bilder daraus
zu entnehmen. Gab's das im Mittelalter auch für Männer?
fragte mich Andreas Türck, und ich, leicht verwirrt von diesem Abweichen
vom Konzept, sagte: Ja, sogar ausschließlich für Männer!
Mancher könnte darin eine Freudsche Fehlleistung sehen, einen unbewussten
Wunsch, in so einen Gürtel eingesperrt zu werden ... Aber das ist ein anderes
Thema, dazu später mehr ....
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Falsch wie der Flitter von Showgirls sind die Versprechungen der Talkshows. Dazu demnächst noch einige Bilder. |